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Wodka Deodorant



 

Das abgemagerte Opfer mit seiner unnatürlichen Haarfarbe und dem billigen Fake-Leder-Outfit sah erschöpft aus. Ihre Haut war bleich von Blutarmut oder leichtem Albinismus. Übertrieben viel Make-up um die blassgrauen Augen verstärkten ihren Zustand. Sie starrte auf das rollende Förderband der Supermarktkasse.

Matthew Licht

Frauen neigen dazu effizientere Kassen-Affen zu sein als Männer. Die Kleine von Neo Euro, die meine Billigtomaten, meine No-Name-H-Milch, meinen abgelaufenen Joghurt und meine trocken-klebrigen Frühstückskekse in die Kasse eintippte, hielt mit grimmiger Miene an ihrem gammligen Punklook fest. Konservenmode sieht bei Neo Mädchen nie gut aus, deshalb war der geisterhafte, in Kunstleder gekleidete Alien an der nächsten Kassenschlange wahrscheinlich auch nicht von Neo Euro.

Ihre männliche Servicekraft an der Kasse startete einen hirnlosen Anmachversuch. Neo Euro Typen mit gezupften Augenbrauen fühlen sich schwul, wenn sie sich nicht geben wie Rocco Siffredi.

Vielleicht verstand sie kein Italienisch.

Ihm blieb keine Zeit es mit gebrochenem Englisch oder einem „Kak-vass-zavot baby?“ zu versuchen. Ihre Einkaufsliste hätte auf eine nicht mehr existierende kommunistische Grenzbriefmarke gepasst. Wodka und ein Deo rollten heran, wurden registriert und prallten hörbar auf die rostfreie, stählerne Ablagefläche. Sie lehnte das Angebot einer Einkaufstasche für zusätzliche 6 Neo Euro-Cents ab, steckte den dildoförmigen Applikator in ihre Tasche und griff die Flasche am Hals.

Sie schlug nicht damit auf mich ein, als ich mich näherte und fragte, ob ich sie nach Hause begleiten könne. Vielleicht verstand sie kein Deutsch. Weiß nicht wie ich darauf kam, sie könnte es verstehen. Ich bot ihr nicht an, die Schnapsflasche zu tragen. Ich wollte ihr nicht das Gefühl geben, ich wolle sie ihr klauen. Auf dem Weg aus dem wahnsinnig hell erleuchteten Supermarkt kamen wir an verloren aussehenden alten Leuten in heruntergekommenen Fetzen vorbei, die die kostenlose unnatürliche Wärme genossen.

In New York war Hitze in der Miete mit drin, genau wie heißes Wasser. Man hatte das Gefühl, Wärme und Körperpflege gab es umsonst.

Die gewöhnliche Nachbarschaft war nur durch ihre Straßennamen ferner europäischer Länder erkennbar. Vielleicht verstand sie die Ironie der Wiederaufnahme der Sowjetunion-Straße. Vielleicht verstand sie das Luxus-Konzept Ironie nicht. Auf ärmlich zusammengeschusterten Pfennigabsätzen stöckelte sie wackelig entlang des brüchigen Gehwegs.

Wodka war ein großes Problem in der ehemaligen UdSSR. Frustrierte Diktatoren verbaten den amerikanischen Lifestyle, erließen strikte Rationierungen und Zusatzsteuern auf ohnehin verbrannter Erde. Betrunkene lernten mit künstlich erzeugtem Fusel zu dealen, machten aus selbst gebrautem Bier und einem Schuss Mückenschutz Instant-Wodka. Sie bestrichen Roggenbrot mit Schuhcreme für deliriöse Pseudo-LSD-Trips und blutigen Durchfall. Ich fragte sie ob sie No-Name-Deo mit No-Name-Wodka mischte, um einen Betäubungseffekt zu erzielen.

„Wodka ist zum Trinken“, sagte sie. Deo sei gegen Stinken. Ich fragte, ob sie eine Prostituierte sei. Sie nickte und sagte, dass ich auch eine wäre, als ob ich das nicht wüsste.

„Schau, ich hab Essen in meinem Rucksack“, sagte ich. „Lass mich dir Abendessen machen. Nichts schickes. Spaghetti ohne Logo, aber sie sind ganz okay.“

Sie war sich nicht sicher, ob sie einen Kochtopf hatte. Sie hatte einen Raum in einer Bude gemietet, von Leuten die sie kaum kannte, hatte sich bis zu ihrem Einzug noch nicht mal die Küchenschränke angesehen. Trotzdem war sie eingezogen.

Billige Neo Euro Architektur garantiert einen extrem kalten Winter. Menschliche Lagersilo-Unternehmer schienen genug von Gasofen-Fabriken zu haben, und von den Erdgas- und Öl-Geschäften. Aber es war warm bei ihr in der Bude. Mitbewohner aus der ehemaligen Sowjetunion zweigten von irgendwoher Wärme ab.

Alessandro Gaggio, www.alessandrogaggio.com, alessandrogaggio@gmail.com

Sie zog ihre dünne Lederjacke aus und entblößte einen ersten Hauch alkoholischen Mief, der normalerweise von alten, Gin trinkenden Damen ausgestrahlt wird. Es heißt im feuchtfröhlichen Tratsch, dass man mit Wacholdersaft weniger stinkt. Ohnmacht in Form einer Flasche Teufelsparfüm strich mir langsam um die Nase, trotz geschlossenem Deckel.

Mit alter sexy Kleidung und ausgefransten, strohigen Haaren saß sie auf einem klapprigen, aus dem Müll geretteten Stuhl und ließ mich arbeiten. Kein Schneidebrett. Kein Kochtopf. Kein Dosenöffner, aber das machte nichts, weil markenlose Dosentomaten Aufreißlaschen haben. Das stumpfe kleine Messer hätte nicht einmal einen Apfel schälen können. Zum Glück ist heruntergesetzter Dosenthunfisch mit ausreichend für den menschlichen Verzehr geeignetem Olivenöl ausgestattet, um den Saucen-Schmieröl-Trick zu machen. Sie zog eine Kippe aus ihrer hässlichen Handtasche, in der eine heruntergesetzte Zigarettenschachtel lag, schob mich zur Seite und zündete sie an der Herdplatte des Gasbrenners an. So nah wie in diesem Moment war sie wahrscheinlich noch nie am Kochen dran gewesen.

Es war noch jemand in der Bude. Die phantomartige Präsenz offenbarte sich durch einen andersartigen Tabak-Geruch, müffelnde Rülpser, Seufzer, Keuchen. Fernsehgeräusche sickerten durch die dünnen Wände. Menschliche Lüftchen bewegten staubige, brandfleckige Vorhänge. Dahinter lagen dreckige Fenster, durch die man einen betonierten Innenhof sah, gefüllt mit weggeschmissenen Motorroller-Teilen und verätzten Metalmülleimern. Eine lebendige Katze streifte durch die Szene, vertrieben oder abgehauen aus einer unheimlich ähnlich modernen, trostlosen Bude. Eine unsichtbare tote Katze schaute selbstzufrieden und hämisch unter einer beschlagenen Plastikplane hervor.

„Woher kommst du?“

Sie musste nachdenken. War direkte Fragen nicht gewöhnt. Eher daran gewöhnt, direkten Fragen auszuweichen, wenn sie gestellt werden. Woher kommst du, was machst du hier, wo ist dein Einreisevisum und deine Aufenthaltsbescheinigung? Aber Einwanderungsbullen bieten nicht kostenlose Spaghetti an. Sie kam aus einer unaussprechlichen, kriegsgeschädigten Stadt im Kosowo. Sie war höflich genug ihren Namen zu wiederholen, aber ich konnte den Klang nicht nachahmen. Sie fragte nicht wer ich war oder woher ich kam oder was ich machte. Sie dachte sie wusste was ich wollte. Mit anderen Worten, das was alle wollten. Aber sie irrte sich. Es sei denn die Dusche funktionierte. Ich hatte meine Zweifel und kein überschüssiges Geld für Huren.

Geld war ein Problem, seit das dreckige Zeitschriftengeschäft zusammenbrach.

Dreckig zu sein ist kein rentables, wirtschaftliches Anlagegut mehr. Ich lebte davon Situationen zu beschreiben, die ähnlich zu dem einen Ziel waren, das erfunden wurde, um mich und diesen sonderbaren sexy Alien zu kritisieren. Hier ist die markenlose Neo Euro Tiefkühlpizza, Lady.

Sie mochte reduzierte Schokolade, fand es nicht verkehrt, den Nachtisch vor dem Hauptgang zu essen. Ihr fehlten Backenzähne. Der Geruch von Aschenbecher und vorzeitigem Tod kam aus ihren blassen Schmolllippen.

Das Abendessen war Bezahlung genug für das, was sie anzubieten hatte. Wir gingen zuerst unter die Dusche, auf meine Bitte hin. Ich musste wirklich den angemessenen Gebrauch von heruntergesetzter Markenseife und Zahnseide veranschaulichen. Wir rieben uns trocken und züngelten im dampfigen Dunst der billigen Neonbirne.

„Hol das Deo, das du gekauft hast. Bring auch den Wodka.“

Sie ging.

Heißes Wasser verstärkt den alkoholischen Effekt. Wir duschten noch einmal. Ich duschte sie noch zweimal. Es war immer noch nicht genug, aber der Wodka verwischte jegliche Spuren pseudo-ziviliserter Pingeligkeit.

Markenloser Wodka brennt, aber erfüllt seinen Zweck. Vielleicht nahm ich einen Zug Deo nachdem ich ihre Achselhöhle damit eingeschmiert hatte. Das Zeug schäumte wie Shampoo. Ich erinnerte mich an die Billigrasierer zwischen meinen neu erworbenen Supermarkteinkäufen. Ich rasierte mich immer noch, gelegentlich. Ich ließ sie also unter dem heißen Wasser stehen und stapfte in die Küche. Ich hoffte sie würde nicht ertrinken.

Im Flur lief ich in eine andere schlampige Puppe. Sie roch als käme sie aus Bukowina oder Bukarest, Burkina Faso, Montenegro, Sierra Leone, Bophuthatswana. Der Status „menschliches Treibgut“ durchdringt und durchtrennt geopolitische Grenzen. Dank der steigenden Stromrechnungen lief sie im Dunkeln herum. Oder sie war so bekifft, dass die Niedrigwatt-Neonlampen ihr in den Augen weh taten. Sie zuckte zusammen, als sie in einen Fremden torkelte. Sie flüsterte, es würde ihr nichts ausmachen, sich uns in der Dusche anzuschließen. Möglicherweise verstand sie die gelallte Frage nicht oder das Konzept von Sauforgien.

Ich ging zurück ins Bad.

Sie betrachtete sich im verschleierten Badezimmerspiegel. Wo bin ich? Wer bin ich? Was mache ich? Warum bin ich am Leben? Vernebelte Spiegel erwidern keine Antworten auf solch einfache Fragen. Der Kachelboden war rutschig, potenziell gefährlich. Die Kälte außerhalb des Badezimmerfensters wollte hinein und kam näher. Sie kam ungefragt zurück in die Dusche. Ich rasierte ihre Achseln mit Deoschaum. Sie rasierte ihre Beine, um die Möglichkeit des kostenlosen Rasierers maximal auszunutzen.

Schimmlige Handtücher, ein ungemachtes muffiges Bett. Das Metallrollo in ihrem Zimmer war ganz heruntergezogen, für komplette Verdunkelung in einem mutmaßlichen Waschbärennest. Sie behielt ihr Zombie-Verhalten bei, bis ich anfing zu sprechen. Ich weiß nicht mehr was ich gesagt habe, aber es war wahrscheinlich sowas wie eine Kehrtwende, um ein bisschen herunterzufahren. Normale Sätze eines alltäglichen menschlichen Umgangs in einer Sprache, die nicht ihr eigenes Balkan-Gequatsche oder ehemaliges Sowjet Volapük oder Nadsat-Firlefanz war.

Vögelnde Betrunkene, die Wörter nuscheln, die sie nicht verstand, mussten eine vertraute und überaus unangenehme Situation für sie gewesen sein.

Sie rastete nicht in der üblichen Art aus, schrie nicht, schlug nicht um sich oder benutzte die nahezu leere Flasche als Knüppel, der zerbricht und schneidet. Sie benutzte tierische Selbstverteidigungstaktiken, eine angeborene, anti-pheromonische Biowaffe. Ich wurde von der bakteriologischen Waffe getroffen, primitive Erinnerungen an die Pest, verschlüsselt auf Überlebens-DNA. Ich wurde willenlos, rollte leblos davon, schnell.

Sie zündete sich einen Kippenstummel an, der versteckt war zwischen der klumpigen Matratze und dem Fußboden. Ein limonengrünes Bic-Feuerzeug flammte auf und zeigte einen mit leeren Flaschen gefüllten Raum. Sie hielt das Feuer wie Lady Liberty, suchte bettelnd nach dem phallusartigen Deoroller, schmierte ihn sich unter ihre neu-enthaarten Arme. Wodkaflaschen und Deoroller in ungeordneten Haufen, angesammelt in den Ecken, bedeckten den schmutzigen Boden und die hässlichen Möbel. Zwei Flaschen am Tag und dir bleibt der Bestatter erspart.

Aber nicht für immer.

Wer kümmert sich um die Bestattung von verstorbenen, illegalen, immigrierten, geheimem, blinden Passagieren? Unbekannte Leichname, gestopft in beschwerte, Logo-bestempelte Supermarkttaschen als Leichentücher, versenkt im Fluss. Feuer auf Mülldeponien, verzerrter Widerschein von Scheiterhaufen am Ganges, eine halbe Dritte Welt entfernt erleuchten unbeaufsichtigte, nicht-rituelle Beerdigungen. Nur der verschmutzte Fluss beschwert sich bei gehörlosen, geisterhaften, imaginären Ohren. Unidentifizierte Steife treiben ein paar Stunden umher, aber werden nie zurück nach Rumänien, Albanien, oder der Ukraine geschifft, schlag dir diesen Wunschgedanken aus dem Kopf. Gefräßige Köter werden fett kurz nach dem Tod von Diktatoren.

Ich prallte wie ein fleischiger Flipperball in das verschimmelte Badezimmer, zog mir schnell meine herumliegenden Klamotten an. Es fehlte Geld aus meinen Hosen, aber die diebische Schlampe im Flur hatte die Dokumente und die Hausschlüssel da gelassen. Es macht keinen Sinn Schlüssel zu klauen, außer es bestehen unmittelbare Einbruchmöglichkeiten, aber die Adresse auf meinem abgelaufenen Führerschein ist eine halbe Welt entfernt.


Published July 2015




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