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"Sexismus fängt beim ersten dummen Witz an"



 

Berlin, Germany  Keshia Fredua-Mensah ist Mitinitiatorin von #ausnahmslos. Sie hat Internationale Politikwissenschaften studiert und leitet zusammen mit Kübra Gümüsay die anti-rassistische Initiative #SchauHin. InPerspective hat mit ihr gesprochen, über Sexismus, Rassismus und die Täterprofile der Kölner Silvesternacht.

Keshia Fredua-Mensah, Mitinitiatorin von #ausnahmslos Keshia Fredua-Mensah

Nach den Überfällen in Köln war das Thema „Sexismus“ in aller Munde. Wie wolltet ihr mit #ausnahmslos die Debatte drehen?

Alle haben über Sexismus gesprochen und das so zum ersten Mal. Unser Verdacht war, dass das mit dem Herkunftsprofil der Täter im Zusammenhang stand. Unser Anliegen war also, den Fokus auf die Opfer zu legen und nicht auf die Täter. Wir wollten Fragen stellen wie: „Wie sieht es mit Sexismus in unserer Gesellschaft aus“ oder „was sind die alltäglichen Sexismen, die Frauen* erfahren“, „was muss gesellschaftlich, politisch, aber auch in den Medien passieren, damit sich etwas ändert.“ Und das erst mal unabhängig von der Herkunft der Täter.

Auf eurer Website steht: „Täter sollten nicht als „Sex-Gangster” oder „Sex-Mob” beschrieben – da sexualisierte Gewalt nichts mit Sex zu tun hat“ – Wo beginnt für dich Sexismus?

Sexismus fängt beim ersten dummen Witz über Frauen* an. Bei der Annahme, dass wenn eine Frau* „Nein“ sagt, sie vielleicht „Ja“ meinen könnte. Auch in der Werbung ist Sexismus allgegenwärtig, wenn Rollenbilder immer wieder reproduziert werden und Frauen* halbnackt oder sogar nackt gezeigt werden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das sind alles Sexismen, die uns jeden Tag begegnen.

Ist eure Definition von Sexismus universell und in jedem Land anwendbar?

Sexismus ist ein weltweites Problem. Aber ich kann nicht beurteilen, wo in anderen Ländern Sexismus anfängt oder aufhört, ich bin nicht in „anderen“ Ländern aufgewachsen, ich bin in Deutschland aufgewachsen. Sexismus hat in unterschiedlichen Ländern unterschiedlichste Ausprägungen. Wie es zum Beispiel in Saudi Arabien aussieht, wo man zwar keine nackten Frauen* auf Plakaten sieht, aber dafür Frauen* nicht die Hand geben darf... Das sind Fragen, die ihr zum Beispiel muslimischen Feministinnen aus den entsprechenden Ländern fragen solltet. Die haben sicher mit anderen Problemen zu kämpfen als wir. Aber Sexismus, in unterschiedlichen Ausprägungen, ist absolut universell.

#ausnahmslos fordert, dass „die Bildsprache frei von rassistischen und sexistischen Klischees“ gehalten werden soll. In Köln haben laut Polizeiberichten hauptsächlich Männer nordafrikanischer Herkunft Übergriffe begangen. Wäre eine solche „Tatsachenbeschreibung“ die Reproduktion eines Klischees?

Es gibt einen Pressecodex, der besagt, dass die Herkunft der Täter nur dann genannt werden soll, wenn diese im Zusammenhang der Tat steht, also für den Tatbestand relevant sein könnte. Ich frage mich, worin diese Relevanz bei den Vorfällen von Köln bestehen soll? Es wird zum Beispiel bei Angriffen auf Schwarze Menschen, wenn keine rassistischen Beleidigungen zu vernehmen waren, auch nicht genannt, dass es sich bei dem Opfer um ein Schwarzes Opfer gehandelt hat und beim Täter um eine weiße Person. Das ist das Problem.
Der Pressecodex wird sehr selektiv angewandt. Wenn man die Herkunft benennt, muss man sie immer benennen. Dann muss man auch erwähnen, dass bei sexuellen Übergriffen zum Beispiel weiße Frauen* oder eben nicht-weiße Frauen* die Opfer waren. Bei den Tätern müsste es dann genauso erfolgen: Waren es weiße Männer, die Angriffe verübt haben? Hier müsste man dann auch fragen: Wieso kommt es zu dieser Konstellation von Opfern und Tätern und gibt es dafür zum Beispiel kulturelle Hintergründe, die für die Tat relevant sind. Das passiert so aber nicht. Entweder oder. Wer A sagt muss auch B sagen können.

Wie müsste man die Vorfälle der Kölner Silvesternacht deiner Meinung nach beschreiben, um rassistischen Klischees vorzubeugen?

Man darf die Taten nicht mit der Herkunft, der Religion oder Kultur begründen. Täterprofile sind viel komplexer. Die Tatsache, dass die Männer angeblich eine bestimmte Herkunft haben oder einer bestimmten Religion zugehörig sind, kann zum Beispiel auch darauf hindeuten, dass sie sozial marginalisiert werden. Das könnte im Kontext der Tat einen relevanten Zusammenhang darstellen. Das findet aber in der jetzigen Debatte nicht statt. Es wird auf die Kultur reduziert oder gefragt, wie mit Frauen* in den vermeintlichen Herkunftsländern umgegangen wird. Es wird aber nicht darüber gesprochen, inwiefern Männer aufgrund ihrer Herkunft in Deutschland benachteiligt sind. Ich will damit nicht entschuldigen, dass Männer sexuell übergriffig werden, aber das sind Themen, die man im Kontext von Köln hätte besprechen können. Ich halte es für sehr problematisch jetzt über Integration zu sprechen und darüber nachzudenken, wie man „diesen Männern“ den Umgang mit Frauen* „beibringen“ könnte... Wenn ich daran denke, dass ein Haufen „besorgter“, weißer deutscher Männer diesen Männern beibringt, wie man(n) hier mit Frauen* umgeht, dann wird mir ehrlich gesagt schlecht, denn wir haben auch hier ein großes Sexismusproblem – mit oder ohne Migrant*innen. Wenn man also über die Herkunft der Täter spricht, dann im sozialen Kontext und dann sollte auch das Milieu näher und differenzierter beleuchtet werden.

Wenn du einen Wunsch an die Politik hättest, was würdest du dir wünschen?

Das ist schwer. Mich beschäftigen so viele Sachen, die die Politik verändern müsste. Aber jetzt konkret würde ich mir wünschen, dass das Sexualstrafrecht verschärft wird, bzw. dass wichtige Schutzlücken geschlossen werden. Dass z.B. eine Vergewaltigung schon viel früher anfängt als bislang durch das Gesetz geregelt. Dass sexuelle Belästigung an sich in Zukunft auch als Straftat definiert wird. Vor allem wünsche ich mir, dass diese Straftaten zukünftig intersektionell behandelt werden. Das würde bedeuten, dass man berücksichtigt, dass wenn zum Beispiel eine Schwarze Frau* angegriffen wurde oder wenn es sich bei dem Opfer zum Beispiel um eine Transperson handelte, in diesen Fällen auch verschiedene Formen von Menschenverachtung und Diskriminierung zusammenkommen können.

Was hat #ausnahmlos bisher erreicht?

Ich bin total überrascht über die große mediale Aufmerksamkeit. Wir hatten innerhalb einer Woche über 11.000 Mitzeichner*innen. Das zeigt mir, dass wir uns mit Themen auseinandersetzen, die relevant sind. So konnten wir auch viele Menschen, die zwar eine Meinung haben aber nicht selbst aktiv sind, eine Plattform bieten, um sich einzusetzen. Das ist schön, dass wir aus der Gesellschaft so viel Zuspruch bekommen haben. Aber natürlich hat uns zum Beispiel auch gefreut, dass Politiker*innen wie Manuela Schwesig uns unterstützt haben. Denn so gehen sie auch eine politische Verpflichtung ein, die sich aus unseren Forderungen ergibt. Ich glaube, das ist ein ziemlich großer Erfolg.


Published March 2016




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