Wenn die Hoffnungen im Mittelmeer versinken



 

Abidjan, Ivory Coast  Das „Eldorado“ erreichen und dann, selbstverwirklicht, ins eigene Land zurückkehren – das ist der Traum einer ganzen jungen Generation. Sie glauben, sie müssen Afrika den Rücken kehren, um eine bessere Zukunft zu haben, auch wenn sie dabei ihr eigenes Leben riskieren.

Das Dorf Poko © Francis Taky

Auf den Spuren der Migrantinnen und Migranten von Poko

Hoch oben, im Osten der Elfenbeinküste, etwa sieben Kilometer von der Grenze zu Ghana entfernt, liegt das Dorf Poko – in der Nähe der Provinzstadt Transua, auf den Ausläufern des M’boupokôkô, des „roten Hügels“ in der Bong Sprache, dem Sitz der Kommune Akwamu. Von diesem etwa 1500-Seelen-Dorf befinden sich aktuell etwa 30 BewohnerInnen „offiziell“, also unter den Augen des ganzen Dorfes, auf der Reise nach Italien. Zehn Söhne und Töchter dieses Dorfes leben bereits in Spanien, weitere zehn in Kanada und mehr als 100 in Libyen. Laut übereinstimmenden Aussagen der Dorfbevölkerung sind sie dort aber nur auf der Durchreise auf dem Weg zu einem Ziel, das sie als Eldorado bezeichnen: Europa.

Nach Angaben des Ministeriums für Afrikanische Integration und Auswärtige Staatsangehörige der Elfenbeinküste beläuft sich die Zahl der ivorischen Einwanderer in Italien auf etwas mehr als 20.000 Menschen. Ihr Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt beträgt unter drei Prozent. Aber diese Zahlen sagen nichts über die erschütternde Realität der Mittel und Wege aus, die manche Menschen bereit sind zu gehen, um das vermeintlich gelobte Land zu erreichen. Auch wenn die Internationale Organisation für Migration (IOM) der Meinung ist, dass Migrationen unter „legalen“ Bedingungen zum Wachstum und Wohlstand der Herkunfts- und der Zielländer beitragen kann und auch die MigrantInnen davon profitieren, hat sie doch oft desaströse Konsequenzen für viele afrikanische Familien, bis hin zur absoluten Verzweiflung.

Wenn man sich Dörfer wie Poko ansieht, stellt man fest, dass der Versand regelmäßiger Gelder das Familienbudget stark beeinflusst und den Leuten vor Ort nützliche Investitionen ermöglicht. Mehr als 80 Prozent des Geldtransfers helfen dem Überleben der Familien und decken Ausgaben für grundlegende Dinge wie Arzneimittel, die primäre Gesundheitsversorgung, Essen und Zugang zu Trinkwasser ab. 15 Prozent dieser Überweisungen fließen als Investitionsgelder in Grundstücke und Immobilien, fünf Prozent werden der Bildung gewidmet. Doch all diese Dinge lösen auch ungeahnte Begierden unter den Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern aus, die dann – unter Gefährdung ihres eigenen Lebens – den Weg nach Europa einschlagen.

„Nach Jahren in Libyen habe ich es endlich nach Italien geschafft“

Einer von denen, die es nach Europa geschafft haben, ist Yao. Er hat die 30 überschritten und lebt seit 2010 in Italien, zuvor hatte er Libyen durchquert. Er erzählt uns am Telefon von seinem Abenteuer: „Ich bin nach Italien gekommen, nachdem ich mein Studium infolge einer Auseinandersetzung mit meinen Eltern wegen eines Mädchens abgebrochen habe“, sagt Yao. „Nach mehreren Jahren in Libyen habe ich es schließlich nach Italien geschafft.“ Die Wege, um dorthin zu gelangen, seien nicht die freundlichsten. „Ach! Das ist das Paradies für Menschenschlepper!“ Die Schlepper erhielten große Summen von den Menschen, die nach Europa wollen, und würden mit ihnen in „Schicksalsbooten“ – oftmals ganz einfache Schlauchboote – aufs Meer hinaus fahren.

Libyen verfügt über mehr als 5000 Kilometer innerer und 2000 Kilometer maritimer Landesgrenzen. Es ist damit für hunderttausende – hauptsächlich aus Afrika, aber auch aus den Krisengebieten des Nahen Ostens kommende – MigrantInnen das ideale Transitland, um nach Europa zu gelangen. Das ist allerdings keine heitere Odyssee. Durch den innigen Wunsch, mit allen Mitteln Italien zu erreichen, ereignen sich immer wieder Tragödien, die außerhalb jeder Vorstellungskraft liegen. Eine große Tragödie trug sich im September 2014 nahe der Küste Maltas zu. Dort wurden laut IOM wurden nach einem Schiffsunglück etwa 500 Migrantinnen und Migranten als vermisst gemeldet. Offizielle Statistiken und Berichte von Helfern bestätigen, dass die Zahl der Illegalen beständig ansteigt. „Und trotzdem geben diese Zahlen nicht die vollkommene Realität wider“, sagt Christiane Berthiaume, Sprecherin der IOM mit Sitz in Genf in der Schweiz. „Manchmal werden wir über die Abfahrt von Booten informiert, von denen man dann nie wieder etwas hört.“

Die Website Fortress Europe schätzt die Zahl derer, die von 1988 bis 2014 bei dem Versuch einer Überfahrt ihr Leben gelassen haben und ertrunken sind, auf 21.344. In einer Mitteilung bestätigt das UNHCR, dass mehr als 2.500 Personen bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, den Tod gefunden haben oder als vermisst gemeldet wurden. Nach den Schätzungen der IOM liegt diese Zahl sogar über 2900. Nichts als Tote auf dem Weg ins „Paradies“!

„Diejenigen, die beschließen, zu gehen, sind nicht etwa die Ärmsten“, meint IOM-Sprecherin Christiane Berthiaume. „Es sind Ingenieure, Unternehmer, die Mehrheit gehört zum Mittelstand. Oft sind es auch ganze Familien, also beide Elternteile und ihre Kinder.“

Mindestens zwei Millionen FCFA pro Monat für das Dorf

Zurück ins Dorf Poko. Hier haben dutzende MigrantInnen schon moderne Villen nach städtischem Vorbild gebaut. Mindestens die Hälfte der Neubauten im Dorf gehören Familien, von denen mindestens ein Angehöriger in Libyen, Europa oder Amerika lebt. Nach Aussage von Moussa, einem Mann aus Poko, der aktuell in Italien lebt, werden viele Überweisungen mit Western Union oder Money Gran abgewickelt. Nach seinen Angaben gehen im Durchschnitt 196.500 FCFA (300 Euro) pro Monat an die Familien in der alten Heimat, das heißt, alles in allem etwa 2 Millionen FCFA pro Monat an das Dorf. Die Summen, die dank der Migrantinnen und Migranten in das Dorf fließen, übersteigen also bei weitem die öffentlichen Beträge für Hilfe und Entwicklung. Dabei wurden die informellen Gelder und Schmuggelwaren noch gar nicht einbezogen.

Für das Jahr 2006 schätzt die Weltbank die Geldtransfers auf etwa 206 Milliarden Dollar, während die öffentlichen Gelder zur Entwicklung der Länder, die von der OECD (Organization for Economic-Co-operation and Development) zur Verfügung gestellt werden, etwa 104 Milliarden Dollar betragen. Das bedeutet, dass die Gelder der Gastarbeiter ein enorme Rolle bei der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Geburtsländer spielen. Und trotz allem gibt es für die Entwicklung von Dörfern wie Poko noch sehr viel zu tun.

Auf dem Markt von Adjamé © Francis Taky

Nach Angaben von Secré Yao Kossounou Jean François, dem Präsidenten des Bürgervereins von Poko-Sikassua, benötigt Poko einen Wasserturm. Die einzige Schule im Dorf habe keinen Platz mehr für alle Kinder, der Bau einer neuen Grundschule sei deshalb dringend nötig. Das Dorf verfüge auch über keine Krankenstation und hätte gerne einen Markt in der Nähe. „Die Eltern müssen bis nach Transua gehen, etwa neun Kilometer, oder sieben Kilometer nach Atuna, also über die Grenze nach Ghana laufen, um ihre Einkäufe zu machen. Und das, obwohl viele Söhne und Töchter des Dorfes im Ausland leben“, sagt Secré Yao Kossounou Jean François, der auch an den guten Willen des Bürgermeisters appellieren möchte, diese Situation zu ändern. Die Flucht einiger DorfbewohnerInnen ins Eldorado hat zumindest aus Poko noch kein Eldorado gemacht.

Krégbé und Italien

Im Dorf Krégbé, das im zentralen Osten im Departement von Arrah, der Region Moronou liegt, herrscht eine Idylle, die ohne Übertreibung aus uralten Zeiten stammt. Das Dorf ist an der Côte d’Ivoire vor allem für seine zahlreichen Auswanderer nach Italien bekannt. Ein etwa zweihundert Hektar großer Teil des Dorfes wird sogar als „Italienisches Viertel“ bezeichnet. Fast 80 Prozent der dort stehenden Bauten gehören MigrantInnen in Italien. Zwischen 250 und 500 Menschen sind angeblich ausgewandert, so genau weiß das niemand. Diese ungenauen Zahlen liegen an der afrikanischen Geomantie, oder besser gesagt: Die Fakten über das Verhältnis zwischen „Kindern“ dieses Dorfes und Italien bleiben ein gutes gehütetes Geheimnis.

Selbst wenn der Beitrag der Auswanderer zweifelsohne sehr zum Wohlbefinden und zum Lebensstandard einiger Menschen im Dorf beigetragen hat, befindet sich Krégbé immer noch im Stadium eines „Großen Dorfes“. Erst am im Oktober vergangenen Jahres hat das Dorf einen neuen Wasserturm eingeweiht, der 216 Millionen FCFA gekostet hat. Das heißt, die vielen, italienischen „Söhne“ haben trotz allem noch keinen „Garten Eden“ aus Krégbé gemacht.

Das „Virus“ illegaler Auswanderung und seine fatalen Folgen

Auch Koné Mamadou wurde vom Virus der Auswanderung befallen. Der ehemalige Lastwagenfahrer vom Hafen Abidjans,wagte zwischen dem Militärputsch 1999 und der zweiten Krise im Jahr 2011 mehrere heimliche Überfahrten. Er ließ alles zurück, um sich auf den abenteuerlichen Weg nach Europa zu begeben. Trotz der Schwierigkeiten, verbunden mit „der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, den unmenschlichen Bedingungen während diverser Überfahrten, oftmals ohne Essen und Trinken für eine Woche," kam es ihm damals noch nicht in den Sinn, dieses Abenteuer, das sein Dasein bestimmte, aufzugeben.

Aber nach einigen gescheiterten Versuchen und Rückführungen in die Côte d’Ivoire hat er schließlich erkannt: „Das Eldorado ist nicht dort. Es liegt im eigenen Land. Wir wissen, dass das alles eigentlich nur eine Illusion ist, aber wenn du mit dem Virus infiziert bist, kannst du nichts dagegen tun“, so Koné Mamadou.

Auch wenn Mamadou Koné schließlich für sich beschlossen hat, das Leben im eigenen Land aufzubauen: Tausende Jugendliche der Elfenbeinküste glauben fest daran, dass sich das Paradies in Europa befindet. Denn in Poko genauso wie in Krégbé werden die, die es geschafft haben, nach Italien auszuwandern, als lebende Beispiele für sozialen Erfolg und als Vorbilder für soziale und berufliche Integration gesehen. Diese Dinge stimulieren die Jugendlichen, die oft die Schule abbrechen, um nach Europa zu kommen.

Dieser Virus erzeugt aber auch einen „Braindrain“, also den Verlust von Kompetenzen, von innovativen Ideen, von Investitionen in Bildung und Gesundheit. Und es kommt noch etwas hinzu, über das offen keiner sprechen möchte: Viele Leute sterben bei dem Versuch, ins Eldorado zu kommen. Wer lange nichts mehr von den Auswanderern gehört hat, gesteht sich selbst bald ein, dass Verwandte oder Freunde bei ihrer Reise wohl den Tod gefunden haben. Doch öffentlich spricht darüber niemand, um den Finger bei den Hinterbliebenen nicht in die offenen Wunden zu legen.

In Soubré, dem Dorf von Zadi Kessi, dem ivorischen Ministerpräsidenten für Soziales und Wirtschaft, würden sich die Jugendlichen selbst in ihren verrücktesten Träumen nicht der Idee hingeben, nach Europa zu gehen. Sie würden weder für den Tod im Mittelmeer kandidieren, noch von den Wellen vor der italienischen Insel Lampedusa verschlingen lassen. Für nichts in der Welt würden sie ihren Heimatort verlassen, auf den alle Welt zeigt, weil ihr Dorf als vorbildhaftes Entwicklungsmodell gilt und innerhalb der UN-Milleniumsziele zum „Dorf des Milleniums“ gewählt wurde.

Der Transfermarkt für illegale Überweisungen boomt

Wie kommt das Geld aus Europa in die Elfenbeinküste? Neben der normalen Geldüberweisung gibt es seit Jahrzehnten auch eine Vielzahl von informellen Überweisungen. Nur einen Steinwurf von den riesigen Markthallen des Forums Adjamé in Abidjan entfernt, lässt sich der Weg dieser illegalen Überweisungen verfolgen. Wir haben beschlossen, uns Geld aus Italien schicken zu lassen.

Es ist halb drei an diesem Tag, als uns bei einem Telefonanruf aus Italien, aus der Provinz von Parma in der Region Emilia-Romagna, von einem Informanten mitgeteilt wird, dass wir einen kleinen Geldbetrag von 100 Euro (65.000 FCFA) erhalten sollen. Außerdem teilt uns der Gesprächspartner eine örtliche Telefonnummer und einen vierstelligen Code mit. Er befiehlt uns, die Nummern miteinander zu verbinden, die er uns gerade mitgeteilt hat, um an die Summe von 65.000 FCFA zu kommen. Wir beeilen uns, den Anruf zu beenden.

Wir sollen uns vor eine Bank im Zentrum des Markts von Adjamé begeben, also inmitten des ohrenbetäubenden Lärms der Martkschreierinnen und Händler. Außerdem müssen wir beschreiben, wie unsere Kleidung aussieht.

Gerade, als wir uns nicht einmal mehr gegenseitig hören, winkt uns ein Mädchen herbei und bittet uns höflich, ihr zu folgen. Nach drei Minuten Fußmarsch stehen wir vor einem Kosmetikladen, kein Ort, an dem wir solche Transaktionen vermutet hätten. Nachdem wir förmliche Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht haben, fragt der etwa dreißigjährige Mann nach einem Personalausweis oder einem anderen Dokument, auf dem ein Foto zu sehen ist, und nach dem vierstelligen Code. Das ist alles.

Wir gehen in den hinteren Teil des Ladens – dort liegen sechs Scheine im Wert von 10.000 FCFA und einer im Wert von 5000 FCFA, die uns der Mann in die Hand drückt. In weniger als drei Minuten ist der Vorgang beendet. Schon wendet sich die nächste Person an den jungen Mann. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, worüber diese Person spricht. Es handelt sich um dieselbe Transaktion, die wir gerade miterlebt hatten. Die Anstellung als Kosmetikverkäufer war nichts anders als ein Vorwand für seine tatsächliche Tätigkeit. Diese Art der Transaktion wird regelmäßig von Migranten benutzt, die sich ohne Papiere in einem europäischen Land aufhalten. Für alle „sans papier“ ist diese Form des Geldtransfers ein Segen.

Natürlich wird die Überweisung nicht aus Menschenliebe ermöglicht. Der Absender bezahlt 10 Prozent zusätzlich zu der Summe, die er versenden möchte und zwar, bevor er den Code erhält, den er dem Empfänger weitergibt. Etwa zehn Personen spazierten allein in der Zeit, in der wir da waren, durch den Kosmetikladen. Die Geschwindigkeit und die Professionalität, mit der dieser Prozess vonstatten geht, lässt selbst den Skeptischsten glauben, dass das Geschäft sehr gut organisiert und die Kette wirklich gut geölt ist.

Für Doktor Konan Yao Silvère, Verantwortlicher des Internationalen Projekts gegen Armut und Ungleichheit in der Elfenbeinküste, müssen „die afrikanischen Einwanderer mit den illegalen und informellen Methoden der Geldüberweisung aufhören und Strukturen anstreben, die glaubwürdiger sind und auch von anderen als solche angesehen werden. Sie sollen zu Projektträgern werden, die ihnen und ihrem Land etwas Gutes tun.“ Hiermit möchte ich diese Nachricht an unsere afrikanischen und insbesondere ivorischen Brüder in Italien weitergeben.

Publiziert September 2015