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Meine Straße



 

Bremen, Germany  Früher gab es an jedem Ende meiner Straße einen Bäcker. Inzwischen hat der eine zu gemacht, der andere hat in der ganzen Stadt Filialen gegründet. Die Dachdeckerei gibt es auch nicht mehr. Sie lag am Ende der Straße links, hinter einem flachen Backsteinbau mit Garagen. Der Platz davor war mit schmalen roten Ziegelsteinen gepflastert, deshalb sagten wir Kinder „Roter Platz“. Wir wussten ziemlich lange nicht, dass es in Moskau auch einen Roten Platz gibt und die Erwachsenen den Namen lustig fanden. Moskau lag hinter einer Mauer, von uns aus gesehen, aber ich glaube, wir wussten nicht einmal das.

Vor meiner Tür Annelie Kaufmann

Die Straße liegt in Bremen, im Nordwesten Deutschlands und ich bin dort aufgewachsen. Auf dem Roten Platz spielten wir Fußball, Fangen und ein Spiel namens „Eierflopp“, bei dem man einen Tennisball gegen die Garagentore werfen musste. Heute stehen auf unserem Roten Platz drei Mehrfamilienhäuser mit zu groß geratenen Balkonen und ich wundere mich immer noch fast jedesmal, wenn ich daran vorbei gehe, wo die Dachdeckerei hin ist, dabei ist das doch schon seit zehn Jahren so.

Zwischen den beiden Bäckern, von denen einer zu gemacht hat, liegen gut 500 Meter und auf jeder Seite ungefähr fünfzig Reihenhäuser. Die Straße ist asphaltiert, irgendwann wurde das mal neu gemacht und da liefen wir alle Rollschuh, weil es so schön glatt war. Dafür ist der Gehweg – wir sagten Bürgersteig, was seltsam altmodisch und staatstragend klingt – nach wie vor mit demselben schwarzen und weißgesprenkelten Pflaster bestückt. Es ist leichter, nur auf weiße Steine zu treten, als nur auf schwarze.

Die Häuser sind nicht besonders hoch, zum Beispiel ist die Birke vor der Nummer 89 höher, aber sie haben zwei Stockwerke und ein Dachgeschoss. Vorne liegt ein Vorgarten und hinten ein Hintergarten. Den Vorgarten kann man in drei Schritten durchmessen. In fast allen Vorgärten auf der linken Seite wachsen Rosen, denn das sind die Südvorgärten. Ich wohnte in einem Haus mit Südvorgarten und Nordhintergarten. In den Hintergärten stehen Obstbäume und bei uns wuchsen besonders viele Walderdbeeren.

Zur Haustür führen fünf Stufen hinauf. Genau genommen gibt es zwei Haustüren hintereinander. Dazwischen liegt der Windfang. Man macht die erste Tür auf und steht schon mal im Trockenen. Dann klingelt man. Jemand öffnet die zweite Tür und lässt einen herein. Es gibt auch zwei Treppen vor dem Haus, eine führ hinauf zur ersten Haustür und eine hinunter zur Kellertür. Unsere Kellertür wurde nie abgeschlossen. „Man muss immer eine offene Tür haben, wie man immer ein offenes Herz haben muss“, sagte meine Mutter. Außerdem vergaß meine jüngere Schwester meistens ihren Schlüssel, wenn sie abends ausging.

Angeblich war es meine Tante, die damit begann, im Südvorgarten auf der Treppe zu sitzen. Denn dort scheint die Sonne hin. Wenn man auf der Treppe sitzt, kennt man bald die ganze Straße. Im Sommer durften meine Schwester und ich manchmal unsere Mittagessensteller mit raus nehmen und auf der Treppe essen. Wir machten auch auf der Treppe Hausaufgaben oder lasen Zeitung. Zwar gibt es im Vorgarten eine Bank vor dem Haus. Aber auf der Treppe ist es am Wärmsten.

Die Häuser und die Straße wurden in den frühen dreißiger Jahren gebaut. Es heißt, vorher waren hier Kleingärten – Parzellen, auf denen die Leute Gemüse anbauten. Die Häuser ab der Nummer 102 haben einen Zaun aus Holz, statt aus Eisen. Und das letzte Haus, das von Frau Kattenbusch, hat einen Luftschutzbunker. Ich betrachtete das als einen eindrucksvollen Beweis für die Kriegstreiberei der Nazis. Keiner kann sagen, er habe nichts gewusst, wenn sie sogar Frau Kattenbuschs Gartenzaun für die Waffenproduktion brauchten.

Die Straße macht ungefähr in der Mitte eine leichte Rechtskurve, keiner weiß warum, und führt dann etwas versetzt zum bisherigen Straßenverlauf weiter geradeaus. Auf einer Straßenkarte würde es gar nicht weiter auffallen, aber tatsächlich ist die Straße plötzlich breiter. Wir nannten die Stelle den „Knick“. Der Knick trennte die Straße in zwei Teile, in „vor dem Knick“ und „hinter dem Knick“. Meine Schwester und ich wohnten hinter dem Knick und wir spielten am liebsten in unserem Teil der Straße. Vor dem Knick, da fühlte man sich ein bisschen wie zu Besuch bei anderen Leuten.

In den achtziger Jahren, als wir Kinder waren, war es modern, Straßenfeste zu veranstalten. Das Straßenfest fand jedes Jahr an einem Samstag im Juli oder August statt. An diesem Tag durften keine Autos durch die Straße fahren und wir schmückten die Gartenzäune mit Krepppapier. Riekes Vater machte Crêpes mit Schokoladenstreuseln. Ich organisierte in unserem Vorgarten eine Ausstellung gegen Atombombentests, mit einer Pinnwand, an die ich mahnende Texte pinnte und Bilder, die meine Freundin Türkan gemalt hatte. Abends gab es im Knick einen Bierwagen und eine Band. Und wir durften lange aufbleiben.

Die Straße führt von Westen nach Osten. Im Westen beginnt sie mit dem Bäcker, vor dem die Leute Samstagmorgens bis auf die Straße raus anstehen. Im Osten endet sie mit dem Bäcker, den es nicht mehr gibt. Dazwischen liegen nur gut 500 Meter. Und viele Kindheiten. Die Straße ist unser zu Hause. Für mich ist sie keine gewöhnliche Straße, sondern längst ein Lebewesen. Eine schwarz und weißgesprenkelte Schlange, auf deren Asphalthaut ich Rad fuhr und mir Schrammen holte. Die mir auf ihren Kellertreppen Verstecke bot und mich wieder ans Licht spuckte und mir mit ihren geteerten Garagentoren den Rücken wärmte, wenn ich da lange stehen musste, weil ich als erste abgeschlagen war. Die leise winkte und kein bisschen klagte, als ich sie verließ, Richtung Osten, zum Bahnhof. Und die mir immer, wenn ich sie im Westen betrete, eine Platte Butterkuchen kaufe und der Nummer 84 zustrebe, freundlich zunickt. Weil die Straße mich genauso gut kennt, wie ich sie.


Published July 2015




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