Istanbuls „städtische Erneuerung“

Kindheitserinnerungen und die Veränderungen einer Megacity



 

İstanbul, Turkey  Ich wuchs in Kaya Palas auf, einem 14-stöckigen Gebäude auf der asiatischen Seite von Istanbul. Während ich diese Worte schreibe, ist das Dach des Kaya Palas schon nicht mehr vorhanden. An seiner Stelle stehen Maschinen, die das Haus von oben bis unten zerlegen, Etage für Etage. Wenn jemand diesen Artikel liest, wird es das Gebäude, das der Palast meiner Kindheit war, bereits nicht mehr geben.

Die europäische und die asiatische Seite von Istanbul flickr/cc/Juraj Patekar

Unsere Wohnung überblickte Fenerbahçe Orduevi, den wahrscheinlich schicksten Club für Militär-Offiziere in Istanbul, mit einem beeindruckenden Ausblick über die Prinzeninseln und den dazugehörigen Mini-Zoo. Für viele Jahre war Kaya Palas der Mittelpunkt meines Universums. Dort beginnen meine ersten Erinnerungen, dort lernte ich lesen und dort hatte ich heftige Streitereien mit meiner Schwester.

Es war auf dem Parkplatz dieses Gebäudes, wo ich Rollschuhlaufen lernte, in seiner Lobby wartete ich in düsteren Morgenstunden auf den Schulbus, der mich abholte und von der asiatischen zur europäischen Seite Istanbuls herüberbrachte. Es war in diesem Apartment, wo mir meine Mutter von der Scheidung von meinem Vater berichtete und es war in Kaya Palas, wo ich mit der Englischlehrerin zusammensaß, die sie angestellt hatte, um uns für den großen Umzug in die USA vorzubereiten. Diese blonde Frau lehrte mich das englische Wort „rubber“ für den Radiergummi „eraser“.

Das Projekt „städtische Erneuerung“ – Gentrifizierung im Mantel von Erdbebenschutz

Der Abriss von Kaya Palas ist kein Einzelfall – die Hälfte aller Gebäude in der Nachbarschaft befinden sich entweder im Abriss-Stadium oder werden schon wieder neu aufgebaut. Sie nennen das Kentsel Dönüşüm – „städtische Erneuerung“. Unter dem Vorwand eines bevorstehenden starken Erdbebens, das unvermeidbar diese gigantische 15-Millionen-Einwohner-Metropole treffen wird, hat die Regierung das stadtweite Erneuerungsprojekt eingeführt, Gebäude mit dem Label çürük abzureißen, was soviel heißt wie „morsch“.

Das Vorgehen ist einfach: Jeder Bewohner kann bei der Gemeinde beantragen, dass ein Experte das Erdbebenrisiko seines Wohnhauses bewertet. Wenn es als „morsch“ eingestuft wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Stadtrat und die dazugehörigen Bauunternehmen, die sich damit die Taschen füllen, beeilen, skeptische Anwohner vom Abriss des Gebäudes zu überzeugen, sie zu nötigen oder gar zu bedrohen. Ein neueres, besseres und angeblich weniger erdbebengefährdetes Gebäude taucht dann plötzlich an dessen Stelle auf und die Anwohner genießen eine neue Lebensqualität. Das ist die Geschichte, die dann, schön verpackt, auf den Internetseiten der Gemeinden landet.

Bezirke mit niedrigem Einkommen, wie Tarlabaşı, die zentral zwischen Istanbuls begehrtesten Nachbarschaften liegen, sind gegen die städtische Erneuerung nicht immun. © Kai Simmerl

Es überrascht nicht, dass Regionen, in denen die Stadterneuerung am sichtbarsten ist, gleichzeitig auch die wohlhabendsten Gegenden entlang des asiatischen Küstenstreifens von Istanbul sind, der sich von Kadiköy nach Kartal erstreckt, wo es schwierig bis unmöglich ist, eine Straße entlang zu laufen, ohne auf eine Baustelle zu treffen. Natürlich sind auch die Geldbeutel von Bezirken mit niedrigem Einkommen, wie Sulukule, Tarlabaşı, or Balat, die zentral zwischen Istanbuls begehrtesten Nachbarschaften liegen, dagegen nicht immun. Ihre kleinen Straßen und alten Häuser, die noch immer einen Hauch des nostalgischen Gefühls eines bereits vergangenen Istanbuls bewahren, sind bereits geräumt. Die Häuser ihrer Langzeitbewohner sind abgerissen, um Platz für Gebäude zu machen, die die ehemaligen Bewohner sich dann nicht mehr leisten können.

Das Erdbeben 1999 kostete mehrere zehntausend Menschen das Leben

Zeitungen sind vollgepackt mit Theorien zu den wahren Motiven hinter der „städtischen Erneuerung“. Es gibt Titelberichte über benachteiligte Mieter und Besitzer, die diesem Vorgehen der Erneuerung zum Opfer fallen, und über gescheiterte Bürgerbewegungen, die ganze Nachbarschaften retten wollen, um dann ihren letzen Atem unter den Planierraupen der großen Baufirmen auszuhauchen.

Gleichzeitig ist die Erinnerung an das Erdbeben von 1999, das mehrere zehntausend Menschen in Istanbul und den umliegenden Städten das Leben kostete, noch immer lebendig. Die Bedrohung eines schweren Erdbebens und die schlechte Vorbereitung der Stadt sind schmerzhaft präsent. „Städtische Erneuerung“ mag ein notwendiges Übel sein, doch die meisten Einwohnerinnen und Einwohner Istanbuls scheinen eher mehr als nur ein wenig gestört durch die Probleme, die durch die „städtische Erneuerung“ auf sie zukommen.

Ich bin seit 1997 kein Bewohner von Kaya Palas oder Istanbul mehr, seitdem ich damals mit meiner Mutter und Schwester nach Californien zog. Ich denke oft an mein Zimmer in dieser Wohnung. Trotz des Geschreis meiner Mutter hatte ich die Wände mit Schriftzügen bedeckt, die in der ersten Woche mit Kreide vorgezeichnet (Relax Mama, das geht leicht wieder ab) und dann mit permanenter Tine verewigt wurden. Bald war kein Platz mehr an den vier Wänden und dann kam es oft vor, dass alle, die in mein Zimmer kamen und eine Spur hinterlassen wollten, auf Leitern kletterten, um die Decke zu erreichen.

Die 13-Jährige, die dieses Zimmer zurückgelassen hatte, um eine Amerikanerin zu werden, ließ neben den kreideverschmierten Wänden auch einen Teil von sich selbst zurück, der zur Türkei gehörte, einen Teil von sich selbst, der niemals aufhörte, türkisch zu sein.

Das hatte teilweise auch damit zu tun, dass die Iğrıp Straße mich niemals verlassen hat. Jedes Jahr besuchten wir unsere Heimatstadt, wohnten bei meinen Großeltern, die noch immer in der gleichen Straße leben, in einem Gebäude gegenüber von unserem alten Zuhause. Und jedes Jahr starrte ich auf die Betonklötze meiner Kindheit, schaute hoch zum 13. Stock und erinnerte mich an mein altes Zimmer, als wäre es noch genau so, wie ich es einst verlassen hatte. Manchmal verweilte ich für lange Zeit, unterhielt mich stumm mit dem Mädchen, das immer aus diesem Fenster geschaut hatte und sich wünschte, ein Erwachsener zu sein. Ein oder zwei Mal dachte ich sogar darüber nach, zu klingeln und die neuen Bewohner zu fragen, ob ich einen Blick hinein werfen dürfte. Ich habe es niemals getan.

Vor einigen Jahren klopfte die „städtische Erneuerung“ an die Tür meiner Großeltern. Die Möglichkeit, ihre Wohnung verlassen zu müssen, war eines dieser beunruhigenden Themen am Abendbrottisch, die Familien in Krisenzeiten stets umkreisen, um dann doch immer irgendwie darauf zurückkommen. Es hielt meine Großeltern nächtelang wach und verschlimmerte den immer schon unbeständigen Blutdruck meines Großvaters.

Während meine Großeltern das Glück haben, sich die Ausgaben, die mit einer Einstufung ihres Hauses als „morsch“ auf sie zukommen, leisten zu können, sind sie körperlich nicht in der Lage, mit den Auswirkungen auf ihre anfällige Gesundheit umzugehen. Mit bald 90 Jahren ist selbst das Austauschen einer kaputten Tasse, aus der mein Großvater gewohnt ist, seinen Morgenkaffee zu trinken, eine ernst zu nehmende Veränderung. Und so begann ein Bündnis zwischen meinen Großeltern und den beiden anderen Rentnern im Gebäude, um den Abriss zu verhindern. Die jüngeren Wohnungsbesitzer unterstützten dagegen das Projekt, da sie die Unannehmlichkeiten und Ausgaben bei einem Umzug in eine Mietwohnung für zwei Jahre als eine Investition in die Zukunft verstanden.

Als die Saga des Erneuerungs-Dilemmas meiner Großeltern begann, stand Kaya Palas noch immer auf der Straßenseite gegenüber und das Fenster unseres Wohnzimmers blickte erhaben in Richtung des Fenerbahçe Officer’s Club. Als Kinder hatten wir eine Babysitterin, die mit einem pensionierten Armee-Offizier verheiratet war, was ihr Zugang zum Club verschaffte. Rena Teyze nahm meine Schwester und mich mit zu Spaziergängen durch die baumgesäumten Straßen des Clubs, um die Enten zu füttern, die in dem von den Soldaten gebauten Teich schwammen. Wir kicherten, als wir den Soldaten salutierten, die den Park bewachten und fühlten uns besonders stolz darauf, ein Teil dieses Rangs zu sein, wenn auch nur indirekt. Die Armee, so wurde es uns in der Schule eingetrichtert, war der Beschützer unserer Republik und Demokratie. Das, und ein Ort, an dem junge Soldaten in kleinen Zoos voll mit süßen Häschen herumlungerten und lächelten, wenn sie den kleinen Mädchen salutierten, die um sie herumsprangen.

Weil Fenerbahçe Orduevi auf teurem Boden steht, haben diejenigen, die nicht in den Genuß der Schokoriegel kommen dürften, die in der Cafeteria des Clubs weniger kosteten als Wasser, den lockeren Lebenswandel der Generäle schon seit langer Zeit kritisiert. Verbündet mit den Pashas hatten die kemalistischen Regime in der Vergangenheit ein bisschen Korrpution als fairen Preis für die Verteidigung eines ganzen Landes gehalten. Mit dem Aufstieg der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP), die der Armee weitreichende Privilegien entziehen wollte, standen die Generäle jedoch neuen Herausforderungen gegenüber.

Das Istanbul meiner Kindheit verschwindet

Als Errungenschaft der AKP-Regierung schwebt die „städtische Erneuerung“ auch über Fenerbahçe’s Militärclub; wenn nicht vor dem Hintergrund der Abrissbefehle für illegal gebaute Villen pensionierter Generäle, dann verkörpert in den Protesten, die vor seinen Toren während der Sledgehammer und Ergenekon Prozesse stattfanden – die Rechtsstreitigkeiten im Machtkampf zwischen der Armee und der AKP-Regierung. Während der Club im Moment noch vor den Planierraupen geschützt ist, ist Kaya Palas leer und bereits ohne Dach, als Erinnerung daran, dass sich die Zeiten ändern und nicht einmal Soldaten die Vergangenheit beschützen können.

S.O.S. Istanbul Proteste in Tarlabaşı flickr/istanbulsos

Das Istanbul meiner Kindheit ist im Begriff zu verschwinden, und das Istanbul meiner Großeltern, als die Bevölkerung die demografische Marke von einer Million noch nicht geknackt hatte, ist bereits vergangen. Bevor sie die erste Brücke bauten, um Asien und Europa zu verbinden, nahm meine Mutter jeden Tag die Fähre über den Bosporus in ihrer Schuluniform. Diese Brücke ist nun vom Marmaray Untersee-Tunnel überschattet. In Istanbul fühle ich mich meist nicht anders als ein Tourist, wenn ich versuche, mir meinen Weg durch das Metro- oder das Metrobus-System zu bahnen, das noch nicht existierte, als ich in Istanbul gelebt habe. Wenn ich Taxis nehme und der Fahrer mich fragt, ob er diese Straße nehmen soll oder jene, gerate ich ins Stocken. Sie fragen mich wo meine Heimatstadt ist, in der Annahme, dass ich, wie 90 Prozent dieser Stadt, eine Zugezogene aus einer anderen Stadt bin. Nein, ich bin gebürtige Istanbulerin, genau wie meine Eltern und meine Großeltern und ihre Eltern, sage ich. Oder ich lüge und sage, dass ich aus Edirne oder Izmir komme und auf der Durchreise bin.

Bei meinem letzten Besuch informierten mich meine Großeltern erfreut, dass sie im Kampf gegen die städtische Erneuerung gewonnen hatten. Anfangs wollten die jüngeren Bewohner, die sich auf neue Apartments gefreut hatten, nicht zurückstecken. Dann sahen sie ein, dass der potenzielle finanzielle Vorteil nicht so ausfallen würde wie ursprünglich gedacht, und das Projekt wurde gestoppt. Zumindest vorerst. Wenn nicht die städtische Erneuerung, dann wird der Kampf der Zeit und des Alters die Straßen der Nachbarschaft meiner Kindheit verändern. Egal auf welche Weise, bald werden die Iğrıp Straße und ich getrennte Wege gehen, entweder verlasse ich sie oder sie wird mich verlassen.

Bei meinem letzten Besuch stand ich vor Kaya Palas, und ich wusste, dass es das letzte Mal sein würde. Ich zählte vom Erdgeschoss bis zum zweiten, vierten und dann zum achten Stockwerk, in dem meine Freunde gewohnt hatten. Mein Leben damals hatte einen anderen Rhythmus, stabiler vielleicht, weniger chaotisch. Wie der Rhythmus des Aufzugs, den ich nach oben nahm, um an den Türen zu klopfen, und zu sehen, welche Kinder herauskommen würden, um zu spielen. Alle Wohnungen waren jetzt leer, die Vorhänge entfernt, die Fenster leer.

Ich schaute noch ein letztes Mal in Richtung Kaya Palays und studierte die Außenhaut; dabei stellte ich mir die Anlagen und Rohre vor, die das Wasser transportierten, mit dem ich Straßenhunde gewaschen habe, die ich heimlich ins Haus geschmuggelt hatte. Knapp unterhalb des kaputten Dachs lächelte mich ein riesiges, schiefes rotes Herz an, das scheinbar mit Filzstiften an die äußere Wand eines Apartments gemalt wurde. Ich stellte mir ein 13-jähriges Mädchen vor, das Lebewohl sagte.

Publiziert Oktober 2015