Illegale Flucht als letzter Ausweg



 

Pristina, Kosovo  Politische Unruhen, eine miserable wirtschaftliche Lage, Korruption und Arbeitslosigkeit regieren im Kosovo. Zehntausende Kosovo-Albaner und Kosovo-Albanerinnen kehren darum ihrer Heimat jährlich den Rücken – und reisen in eine gefährliche und ungewisse Zukunft.

2009 ertranken fünf Albaner auf der Flucht im Fluss Tisa. © flickr / cc / Fif'

Der Kosovo leert sich buchstäblich. Tausende verlassen das Land, es ist die größte Massenauswanderung seit dem Kosovokrieg. Täglich wird im Kosovo darüber berichtet, dass sich weitere Bürgerinnen und Bürger in Prishtinas Busstation versammelt haben, die zusammen mit ihren Familien vorerst den Weg Richtung Serbien nehmen wollen. Ihre Routen führen über Nis, Belgrad und die nordserbische Stadt Subotica an die Grenze zu Ungarn. Nachdem die Schlepper sie freilassen, sind sie sich selbst überlassen, um die illegale Reise Richtung Westeuropa fortzusetzen. Häufigste Ziele innerhalb der EU sind Deutschland, Österreich, Frankreich, Luxemburg und Schweden. Letztes Jahr reisten nach offiziellen Angaben 20 000 Kosovo-AlbanerInnen illegal in die EU ein. Berichten zufolge haben in den letzten zwei Monaten über 30 000 Bürgerinnen und Bürger das Land verlassen. Die Tendenz ist weiterhin steigend.

Zahlreiche Gefahren und miserable Zustände

Da der Kosovo über keine Visa-Liberalisierung verfügt und dementsprechend innerhalb der EU als ein isoliertes Land gilt, müssen die Menschen aus dem Kosovo auf illegalem Weg auswandern. Als letzte Lösung bleibt ihnen eine mit Gefahren verbundene Reise, auf der sie oft verletzt oder verhaftet werden. Manchmal endet die Reise mit dem Tod. Im Jahr 2009 ertranken fünf Albaner, die in der Dunkelheit den Fluss Tisa in Vojvodina zu überqueren versuchten. Für großes Aufsehen sorgte zudem der Tod eines Kosovo-Albaners, der kürzlich in Ungarn alleine und schutzlos erfror, als er versuchte, die Grenze zu überqueren. Von entsetzlichen Bedingungen in den ungarischen Flüchtlingslagern sowie von Festnahmen hunderter Albanerinnen und Albaner in der Abschiebehaft zeugen Privatvideos sowie Medienaufnahmen. Auch über notdürftige Unterkünfte in Frankreich und Deutschland wird berichtet. Viele Menschen erzählen davon, dass sie unter freiem Himmel schlafen mussten, während andere davon berichten, sie hätten in Viehställen kampiert.

Beweggründe einer massiven illegalen Auswanderung

Wie es zu dieser raschen und plötzlichen Massenauswanderung kommt, ist bisher nicht erforscht worden. Es gibt Stimmen, die dahinter politische Gründe vermuten. Andere sprechen von einem organisierten System, bestehend aus Reisebüros, Busunternehmen, Zollbeamten und Schleppern, die einen großen Gewinn aus der Not der Flüchtenden ziehen. Die Tendenz der weiterhin wachsenden Massenbewegung jedenfalls ist beunruhigend.

Besorgniserregend ist ebenso die ausweglose Situation im Kosovo, die die Menschen aus dem Land vertreibt. Politische Instabilität, die schlechte wirtschaftliche Lage, Korruption, Vetternwirtschaft und mangelnde Rechtsstaatlichkeit haben den Menschen Hoffnung und Perspektive geraubt. Die Arbeitslosigkeit hat einen bedrohlichen Stand erreicht. Das schlechte medizinische System bietet zudem keine angemessene Versorgung. Die Selbstmordrate ist insbesondere in der Nachkriegszeit rasant gestiegen. Hinzu kommen die mit dem Norden des Kosovo verbundenen politischen Unruhen, die Ängste um neue Konflikte schüren. Betroffen ist insbesondere die Jugend, die von einer explosiven Mischung aus Machtlosigkeit, Frustration und Wut erfüllt ist. So bleibt ihnen kein anderer Ausweg, als das Land zu verlassen, um nach besseren Lebenswegen zu suchen.

EU-Länder schlagen Alarm

Während das Volk den Kosovo verlässt, berichten Deutschlands PolitikerInnen über ausgeschöpfte Aufnahmekapazitäten und verlangen, vorrangig Asylanträge von Menschen aus arabischen oder afrikanischen Ländern zu berücksichtigen. Auch die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner berichtete gegenüber den Medien von einem sprunghaften Anstieg der Asylsuchenden aus dem Kosovo. Ihren Angaben zufolge gab es zuletzt mehr Asylanträge von ihnen als aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Damit würden die Migrantinnen und Migranten das System für „echte Kriegsflüchtlinge blockieren“, so Mikl-Leitner. Gerüchte aus dem Kosovo, dass ein Asylantrag in Österreich mit finanziellen Vorteilen verbunden sei, wies das österreichische Innenministerium zurück.

Rein wirtschaftliche Motive

Sowohl die Innenministerin Österreichs als auch Bayerns Innenminister Joachim Hermann (CSU) plädieren nun dafür, neben Serbien, Bosnien und Herzegowina auch den Kosovo und Montenegro als sogenannte sichere Herkunftsländer einzustufen. So würde ihnen zufolge die Anerkennungsquote nahezu auf null sinken. Denn, so sagte Hermann jüngst gegenüber der „Welt am Sonntag“, diesen Asylanträgen würden „in erster Linie rein wirtschaftliche Motive zugrunde liegen“.

Sowohl der Kosovo als auch andere Länder im Westbalkan haben ein Rückübernahmeabkommen unterschrieben, demzufolge sie im Falle einer Rückkehr die finanziellen Kosten übernehmen müssen. Zu klären bleibt somit, ob und wie viele Kosovarinnen und Kosovaren den Zuwanderungsweg ins Ausland als qualifizierte Arbeitskräfte finden könnten.

Publiziert Juli 2015
Erstveröffentlichung: 04.02.2015 (EurActiv.de)