Hatfield Street



 

Cape Town, South Africa  Moses März beobachtet in seiner Serie „Hatfield Street“ die südafrikanische Post-Apartheid Gesellschaft. Mit seinen Augen laufen wir durch diese Straße, fühlen, riechen, verstehen, ohne erklärt zu kriegen und erahnen doch, was durch sie sichtbar wird.

Hatfield Street © Moses März

„Das erste Mal, als ich in der Straße ankam, war ich 16 Jahre alt und Austauschschüler. Das war im August 2002. Nachdem ich die Stadt nach einem Jahr wieder verließ, träumte ich fast jede Nacht von ihr und versuchte, die verschiedenen Stadtteile im Traum miteinander zu verbinden. Flüsse, Kanäle, Straßen, Grünflächen, Gebäude und Berge taumelten wild durcheinander. Wie sollte ich jemals jemand anderem diesen Ort erklären können?“, schreibt Moses März uns, als wir ihn fragen, größere Zusammenhänge anhand seiner Straße und lokaler Details zu beschreiben. Seit fünf Jahren lebt er jetzt in der Hatfield Street. Hier erzählt er vom Leben im Stadtzentrum Kapstadts.

„Meine Perspektive dabei, deren Bedeutung schließlich im Titel eures Magazins enthalten ist, ist natürlich eine spezifische: Sie ist zuallererst diejenige eines Deutschen in einer europäischen Stadt in Afrika. Theoretisch mag das die Provinzialisierung Europas bedeuten, im praktischen Leben einer weißen Minderheit bedeutet das auch das Vordringen, das Eindringen des Anderen, das in unserem konkreten Kontext Angstgefühle und Verunsicherungen hervorruft. Der Prozess ist also mit einer Unvorhersehbarkeit verbunden und verspricht, althergebrachte Kategorisierungen, die ihrerseits an bestimmte Machtkonstellationen gebunden sind, langsam zu verwischen.

Meine Perspektive ist auch die eines privilegierten Weißen im Stadtzentrum, für den die vom politischen und ökonomischen System Ausgebeuteten nur am Straßenrand oder auf der anderen Seite der Kasse erscheinen. Und obwohl sie trotz ihrer numerischen Überlegenheit in meinem Text als peripher erscheinen, sind sie doch zentraler Referenzpunkt für alle Überlegungen. Alle Versuche, eine Illusion von Normalität entstehen zu lassen, werden von ihnen unterlaufen.

Die erzählende Haltung ist daher notgedrungen sowohl eine der Mitschuld und der Ablehnung der existierenden Strukturen, Teilhabe und Widerstand, Beobachtung und Partizipation, Wundern und Handlung. Das Wundern alleine reicht nicht mehr.

Zu Hause, in den Zeitungen, in Gesprächen mit Freunden und an der Universität, gab es dafür jedoch keine Sprache. Unsere Aufgabe ist es also, diese Sprache auch auf Deutsch entstehen zu lassen, die Türen und Fenster zu öffnen und die Welt hinein zulassen.“

Also, öffnen wir die Türen und lassen die Welt herein:

HATFIELD STREET: TEIL I

Engen 1 Plus Quick Shop © Moses März

Die Tankstelle — 7 Uhr

Der Morgenverkehr schiebt sich die leichte Steigung der Straße hinauf und steht wartend an der Ampel. Noch weht kühle Luft vom Tafelberg, der zu dieser Tageszeit nur halb von der Sonne beleuchtet ist.

In die eine Richtung schieben sich Ladungen vollbeladener Minibusse, die Arbeiter und Arbeiterinnen aus den Townships – typischerweise Putzfrauen, Babysitter und Sicherheitsmänner – in die wohlhabenderen Stadteile des Stadtzentrums transportieren. Bauarbeiter, die für den Tag vom Straßenrand engagiert wurden, sitzen auf den offenen Ladeflächen von Pick-ups. Sie tragen Kapuzenpullover und Mützen gegen den Wind.

Die Straße hinunter, in Richtung der Hochhäuser des Central Business Districts, fahren die ersten zu bequemeren Bürojobs. Kleine Gruppen von Schülern und Schülerinnen in grünen und hellblauen Schuluniformen sind auf dem Weg in die Schule. Direkt neben unserem Haus ist eine Tankstelle. Sie heißt Engen 1 Plus Quick Shop. Die Reklametafel an der Straßenseite weist daraufhin, dass sie rund um die Uhr geöffnet hat: „24 Hours Fresh Woolworths Quality“. Außer bloßem Auftanken bietet die Tankstelle einen kleinen Supermarkt, in den ein kleiner Burger-, ein Pizza-Laden und eine Bäckerei inklusive Hähnchengrill integriert sind. Freunde beneiden uns um diese Tankstelle.

Auf dem Weg über den Parkplatz fällt der Blick auf die beleuchteten Werbebilder über den Zapfsäulen. Jedes hat ein unterschiedliches Motiv mit eigenem Motto in Form einer Emotion, die unter den Bildern in fetten Buchstaben prangt:

pride

Eine schwarze Mutter umarmt lachend ihre Tochter, die eine Graduiertenrobe trägt und in der rechten Hand ihr zusammengerolltes Abschlusszeugnis hält.

triumph

Ein weißer Vater in gelbem Polohemd schiebt seinen Sohn von hinten auf einem Fahrrad an. Die Szene spielt auf einer verkehrsberuhigten Vorstadtstraße, vor ordentlich gemähtem Gras und einer sauberen Häusermauer.

passion

Ein schwarzer, etwas fülliger Mann in Fußballuniform steht jubelnd im Stadion. In der einen Hand schwenkt er eine Südafrikafahne. Er bläst in eine rote Vuvuzela. Im Hintergrund wird ein volles Stadion angedeutet.

care

Ein weißer Schuljunge hält seinen rechten Arm schützend um seine kleine Schwester. Die beiden tragen Schuluniform und Rucksäcke einer besseren Sorte. Sie warten auf den Schulbus oder darauf, von ihren Eltern mit dem Auto abgeholt zu werden.

Das ist die Regenbogennation. Das Versprechen von Politik und Wirtschaft, gemeinsam die Post-Apartheid Gesellschaft in geordnete Bahnen zu lenken. Das Bild zeigt Wirkung.

Südafrika, so die Botschaft der Engen-Reklame, ist ein Land der Schwarzen und der Weißen. Ein Land, das Wohlstand und Glück für beide schafft. Der effektive Mehrheits-Minderheitsratio von 92 zu 8 Prozent zuungunsten der weißen Bevölkerung wird auf den Bildern zu einem ausgeglichenen 50 zu 50, das Narrativ dazu ist erschreckend einfach: Während sich die schwarze Bevölkerung um sozialen Aufstieg bemüht und mit Sportspektakeln unterhält, beschützen sich die Weißen gegenseitig und genießen ihren Wohlstand. Wie stark getrennt die beiden Realitäten voneinander sind, wird auf den Leuchtbildern deutlich. Sie steuern jedoch beide unverkennbar dasselbe Ziel an: Den Engen 1 Plus Quick Shop.

Der effektive Mehrheits-Minderheitsratio von 92 zu 8 Prozent zuungunsten der weißen Bevölkerung wird zu einem ausgeglichenen 50 zu 50. © Moses März

Was die Definition der Schwarz-Weiß-Kategorien betrifft, mit denen hier gesprochen wird: Wir benutzen sie weiterhin, um die Wirklichkeit zu beschreiben, obwohl uns deren Unsinnigkeit längst bewusst ist. Weil wir keine andere Sprache gefunden haben, um über diese Ungerechtigkeit zu sprechen, die Südafrika durchzieht, und weil die sozioökonomische Realität noch zu sehr mit Frantz Fanons Feststellung von 1958 übereinstimmt: Du bist reich weil du weiß bist. Du bist weiß weil du reich bist. Das soll nicht heißen, dass wir für unsere eigenen Zwecke nicht an Steve Bikos Überzeugung von 1971 glauben, dass Schwarz als eine politische Geisteshaltung verstanden werden sollte, die den Kräften der Entmenschlichung gegenüber den Kampf ansagt.

Die Regierung des African National Congress (ANC) hat die diffusen Rasse-Kategorien der Apartheidregierung jedoch übernommen und macht damit weiter aktiv Politik. Teilweise um eine Grundlage für eine Politik der Affirmative Action zu haben. Zugleich jedoch aus intellektueller Bequemlichkeit und um die Vorstellungskraft in Sachen politischer Identifikation in bestehenden Bahnen zu belassen. Unternehmen wie Engen tragen aktiv dazu bei, den Rassediskurs der Apartheid durch einen Kulturdiskurs zu ersetzen, in dem derselbe Mix aus Biologie, Kultur, Politik und Ökonomie mitschwingt. Damit wird eine klare Dreiteilung der Gesellschaft suggeriert: Schwarz, Coloured als Zwischenstufe, Weiß. In der Theorie sind unsere Argumente gegen diese Teilung in den 1960er Jahren stehen geblieben. Aber wir müssen weiter.

Mit Blick auf die Autos, die hier stehen, wird deutlich, dass hier ein Teil der privilegierten Minderheit parkt: Jeep, Land Rover, Mercedes, BMW.

An jeder der vier Zapfsäulen stehen zwei Tankwärter, allesamt Männer. Sie tragen Arbeitsstiefel, blaue Cargo-Hosen und dazu rot-blaue Fleece-Jacken mit Engen-Logos und Fleece-Mützen oder Caps – zu jeder Jahreszeit dasselbe Outfit. Dass sie nach der gängigen Kategorisierung als Schwarz bezeichnet werden würden, erübrigt sich von selbst. Genauso wie der Hinweis, dass die meisten Kunden und Kundinnen hier Weiße sind.

Die Fenster der Luxusautos werden herunter gefahren. Schlüssel werden heraus gereicht. Der obligatorische Smalltalk vor der Bestellung:

„How are you my boss?” „I’m fine thanks how are you.” „I‘m fine, what can I do for you?” „Top up please!” „Sure my boss.”

Gezahlt wird später mit Karte. Während der Wärter den Wagen tankt, gehen die Fahrer noch schnell in den Quick Shop. Am Morgen, vor der Arbeit, kaufen sie hier Low Fat-Trinkjoghurts, Fertigsalate, Energie- oder Vitamindrinks, Schokoladenriegel oder Chips für die Pause. Manche erledigen hier, trotz der Tankstellenpreise, schon den Einkauf für die ganze Familie. Beim Durchqueren der Eingangstür des Quick Shop überfallen uns die Luft der Klimaanlage und die Fülle der Frischeregale. Hier herrscht zu jeder Tageszeit Hochbetrieb. Die Atmosphäre ist immer leicht gestresst. Die Leute haben wenig Zeit. Sie müssen viel Geld verdienen, um den Anforderungen der sogenannten Upper Middle-Class gerecht zu werden. Eine aktuelle Studie belegt, dass es sich ab einem Mittelklasse-Einkommen nirgendwo auf der Welt besser leben lässt. Alte Kolonialstrukturen machen es möglich, auch wenn das System anfängt zu bröckeln.

Wenn in der Stadt der Strom ausfällt, was aktuell immer häufiger stundenlang unter dem Begriff Loadshedding, Ballastabwurf, stattfindet, staut es sich im Quick Shop besonders. Die Elektrizitätswerke, die früher nur Strom für die weiße Minderheit generieren mussten, können die gestiegene Anfrage von 10 auf 40 Millionen Stromnutzende in den letzten zwei Jahrzehnten nicht mehr abdecken. Ein Generator vor dem Quick Shop sorgt dafür, dass es trotzdem nie zu Unterbrechungen kommt. Hier erhält die Nachbarschaft weiterhin warmes Essen.

Die Regale des Supermarkts in der größten Abteilung des Quick Shop sind voll bis oben hin. Alles sieht nach bester Qualität aus. Woolworths, die Supermarktkette, die sich im Quick Shop installiert hat, ist die Luxuskette des Landes. Fertiggerichte liegen neben geschnittenem Gemüse – Zwiebeln, Karotten und Salate – Käse und Wurst. Es ist deutlich zu sehen, dass die Leute, die hier einkaufen, keine Zeit zum Gemüseschälen haben.

Die Bäckerei in der Ecke des Shops suggeriert mit seinem Namen ‚The Corner Bakery‘ unechte Nachbarschaftsnähe. Aber weit gefehlt. Sie ist, wie alles andere hier, Teil des Engen-Woolworths-Konglomerats. Dennoch hat sie die wohl besten Roggenbrötchen der Stadt. Hamburger-Brötchen gibt es auch glutenfrei.

Beim Blick durch die sonstigen Regale vergisst man leicht, wonach man sucht. Haribo, Lindt, Erdinger – das Sortiment ist komplett World-Class, wie hier ein beliebtes Adjektiv seit der Fußballweltmeisterschaft 2010 lautet.

In der Schlange vor der Kasse gleiten die Blicke über die Titelbilder der lokalen Zeitungen: Draußen in den Townships sind tausende Blechhütten abgebrannt; sechs weitere Menschen sind der Fremdenfeindlichkeit zum Opfer gefallen; Südafrika hat sensationell Cricket gespielt; ein Wal ist vor Hout Bay gestrandet; in der Stadt gab es wie jedes Jahr einen Karnevalsumzug der Coloured-Community.

Alles im Quick Shop ist dafür ausgelegt, ihn mit einem vollen Einkaufswagen verlassen zu müssen. © Moses März

In der Schlange erkenne ich unter anderem einen Radio DJ, eine aufstrebende pausbackige Politikerin und den Cartoonist der nationalen Akademikerzeitung. Eine blonde Frau, die gerade Richtung Ausgang stolziert, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Weg in die Moderedaktion von Cosmopolitan und Marie Claire in der Straße weiter unten.

Die Mitarbeiter des Engen 1 Plus Quick Shop arbeiten Zwölf-Stunden-Schichten von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. „Next Customer Teller 4!“, kündigt eine elektronische Stimme durch den Lautsprecher neben der Kasse an. „Please hold your Smart Shopper or My School Card ready!“ Die Anweisung erinnern an das Einchecken am Flughafen.

Auf dem Weg zur Kasse muss der Einkaufskorb durch den engen Gang zwischen den Hintern anderer Menschen und dem Süßigkeiten-Regal vorbei geschoben werden. Neben den Kassen sind große Einbuchtungen, die für volle Einkaufskörbe gemacht sind. Alles im Quick Shop ist so eingerichtet, dass es unmöglich ist, hier weniger als einen Einkaufskorb zu füllen, ohne sich schlecht zu fühlen.

Die Eile der Quick Shop-KundInnen staut sich an den Kassen. Dauert eine Überweisung bei einer der Kartenmaschine etwas länger, werden sie ungeduldig. Vor uns fragt einer die Kassiererin pampig, woran es läge, dass er so lange auf die Überweisungsbestätigung warten muss. Die Kassiererin lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sie wechselt ein paar Worte mit ihrer Kollegin in isiXhosa. Sie kann davon ausgehen, dass der Kunde sie nicht versteht. Dann deutet sie gelassen auf die Maschine, wie um zu sagen, dass es nicht ihre Schuld sei.

Auf dem Namensschild unserer Kassiererin steht Happiness. Daneben heftet ein kleiner Smiley-Anstecker. Sie begrüßt uns mit einem Lächeln.

Lies Hatfield Street Teil II

Lies Hatfield Street Teil III

Publiziert September 2015