Hatfield Street III

Die Gartenkolonie



 

Cape Town, South Africa  Moses März beobachtet in seiner Serie „Hatfield Street“ die südafrikanische Post-Apartheid Gesellschaft. Mit seinen Augen laufen wir durch diese Straße und erhalten eine Ahnung davon, wie Gesellschaft in Südafrika funktioniert. Hatfield Street, dritter Teil.

Der "Company's Garden": Früher beherbergte der Park einen Gemüsegarten der holländischen Siedler. Dieser wurde gerade nach historischem Vorbild wiederhergestellt. flickr/cc/David Stanley

Die Gartenkolonie — 15 Uhr

Ich habe erst vor kurzem gehört, dass es besonders schlimm sein muss, wenn man sich dazu veranlasst fühlt, sich auf J.M. Coetzee zu beziehen, den südafrikanischen Literaturnobelpreisträger, der vor ein paar Jahren nach Australien ausgewandert ist. Zu Beginn seines Buches „White Writing“ erinnert Coetzee daran, dass Kapstadt 1652 als Garten angelegt wurde. Die wesentliche Funktion der Stadt war es, die Mitarbeiter der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) mit Gemüse und Obst zu versorgen. Was in dieser Geschichtsschreibung oft übergangen wird, ist die Niederlage der ersten portugiesischen Siedler 150 Jahre zuvor gegenüber den Khoikhoi. Es wird stattdessen so getan, als ob die Geschichte der Europäer am Kap mit der VOC beginnen würde.

Aus Angst vor den Bewohnern des Landes und aus Skepsis gegenüber dem, was das Inland an Ressourcen zu bieten haben könnte, vermieden die niederländischen Siedler zunächst ein weiteres Jahrhundert lang jedes Vordringen außerhalb der Kap Region. Für sie war die Kolonie am unteren Ende Afrikas kein Himmel auf Erden, im Gegensatz zu Nordamerika. Der Garten war für sie das komplette Gegenteil, eine Art Anti-Eden. Die Stadt am Kap blieb für Europäer deswegen lange Zeit nur Zwischenstation auf dem Weg zu etwas anderem. 363 Jahre später hat sich daran nur teilweise etwas geändert.

Der Gemüsegarten

Der Nostalgie der kolonialen Tage ist der jüngsten Initiative der Stadt geschuldet, den „Company’s Garden“ nach altem Vorbild zu restaurieren. Die Wiederherstellung des historischen Gemüsegartens, ein Abbild des eigentlichen Gartens im Zentrum des Parks, wurde vor ein paar Monaten abgeschlossen und trifft bei Touristen auf große Bewunderung. Die private Sicherheitsfirma, die den Garten betreut, heißt treffenderweise Eden Security.

Auf rein ökologisch angelegten Feldern wachsen jetzt Lauch, Mais und Salate mitten im Stadtzentrum. Aus einem Brunnen plätschert Wasser durch kleine Kanäle an den Feldern entlang. Die Sklaverei, Lebensgrundlage der Kolonie, wird auf den grünen Infotafeln des Gemüsegartens selbstverständlich nicht erwähnt.

Noch ein Café

Etwa zeitgleich mit der Wiederherstellung des Gemüsegartens wurde ein neues Café im Zentrum des Parks eröffnet. Stadt und Tourismusbehörde waren sich offenbar einig, dass das Café, das hier vorher stand, nicht world-class genug war. Der Familienbetrieb hielt sich zuvor Jahrzehnte lang mit einfachen Käsetoasts und klebrigen Plastiktischdecken mit Blumenmotiven. Zuerst sollte das neue Café, das über dem niedergerissenen Kiosk gebaut wurde, „Haarlem and Hope“ in Anlehnung an das Schiff Nieuwe Haarlem genannt werden. Das Schiff sank 1647 vor der Stadt. Jan van Riebeeck, Angestellter der VOC und offizieller Gründer Kapstadts, hat damals angeblich die 60 verunglückten Reisenden gerettet. Die Überlebenden – so die Formulierung auf dem Menü des Cafés – „kolumbisierten anschließend das jungfräuliche Land“.

Auf dem Menü steht weiter, dass dieser Kontakt „alles veränderte“. In der Tat war van Riebeecks Unternehmen der Beginn von mehr als drei Jahrhunderten Ausbeutung in jeglicher vorstellbarer Form am Kap. Davon steht auf der Speisekarte selbstverständlich nichts. Stattdessen wird darauf hingewiesen, dass van Riebeeck hier den „ersten Garten auf dem afrikanischen Kontinent“ angelegt habe.

Scheiß-Denkmäler

John Cecil Rhodes-Denkmal im "Company's Garden" flickr/cc/Marko Kudjerski

Im Zentrum des „Company’s Garden“ steht ein Denkmal von John Cecil Rhodes. Der Proto-Imperialist steht dort auf einem Steinpodest, sein Haupt ist mit Taubenscheiße bedeckt. Sein linker Arm ist Hitlergruß-ähnlich gehoben. In der rechten Hand hält er seinen Hut. Auf dem Podest steht:

„JOHN CECIL RHODES 1855-1902
YOUR HINTERLAND IS THERE“.

Vor ein paar Wochen ist an einer der Universitäten der Stadt eine große Debatte um eine andere Statue von Cecil Rhodes entbrannt, die in Denkerpose mehr als ein Jahrhundert lang am Eingang des Campus stand. Der Student Chumani Maxwele ist eines Tages in das Township Khayelitsha gefahren, hat dort eine Pick-up-Ladung Scheiße aus öffentlichen Dixi-Toiletten entwendet und sie an der Uni über das Denkmal gekippt. Das so genannte shit throwing ist hier in den letzten Jahren zu einer recht effektiven Protestform geworden. Sie gibt dem Grad der Schande und der Hilflosigkeit einen passenden Ausdruck.

In der im November 2013 erschienenen Ausgabe der Chimurenga Chronic zitiert Rustum Kozain den Anführer des Unemployed People’s Movement Ayanda Kota, um die Bedeutung des shit throwings näher zu erklären:

„It takes the suffering that is usually hidden away as a private shame and makes it a public embarrassment to the government … When people experience their suffering as a private shame, things don’t change. But when this suffering becomes politicised and collective action can be taken, especially in elite spaces, things really can change.“

Kozain fügt dem noch hinzu: „The shit protests make the private shame a public shame“. Nach dem Scheiße-Vorfall hat sich an der Universität eine Bewegung gegründet, die mittlerweile den Namen Rhodes Must Fall (RMF) trägt und sich selbst als größer angelegtes movement bezeichnet. Allen Beteiligten ist klar, dass es von Anfang an nicht nur um die Räumung des Denkmals ging, sondern um die Verwandlung eines nach Oxford modellierten Campus in eine afrikanische Universität.

Der Druck auf das Universitätspräsidium wurde irgendwann so groß, dass auf alle Protokolle verzichtet und das Denkmal geräumt wurde. Das ist also möglich. Danach begann die Debatte darüber, was die Dekolonisierung des Campus oder des Denkens bedeuten würde. Die Diskussion, ob es sich bei dem Protest nur um eine Dekorationsentscheidung handelt oder ob RMF schwerwiegende Veränderungen hervorrufen kann, wird weiter geführt und lässt eine Reihe von Unmöglichkeiten erahnen. Wie der liberale Präsident der Universität Max Price jüngst anmerkte, würde die Uni ihre Stellung als Weltklasse-Universität verlieren, wenn versucht würde, Mathematik und Physik ebenfalls nach einem afrozentristischen Curriculum auszurichten.

Wie unter anderem durch diesen Kommentar deutlich wurde, ergibt sich die Möglichkeit, nicht nur die Beziehung zwischen Universität, Stadt, Staat und Wirtschaft zu überdenken. Gefordert ist ebenfalls eine Neuorientierung weg vom selbstproklamierten südafrikanischen oder Kapstädter Ausnahmestatus zu einer Beziehung mit dem Rest des Kontinents, zu der Vielzahl der Traditionen antikolonialen Widerstandes – als Zwischenschritt, um Teil der Welt werden zu können.

Außerhalb des Universitätscampus ist der Protest gegen Denkmäler, die Kolonialisten und Massenmördern in dieser Stadt errichtet worden sind, übrigens nicht neu. Schon 1978 schrieb Warrick Sony ein Gedicht über das Rhodes Denkmal im „Company's Garden“. Es enthält die folgenden Zeilen:

should I bow down and remove my own hat
must I burn incense?
may I fart?
I see tears streaming down your cheeks.
It is rain.
I must leave now
though I would like to strip you of that bronze attire
see you naked against the dark sky
shivering
Africa is bleeding Mr Rhodes
your hinterland is there.

Nachdem der Rhodes vom Universitätscampus wegtransportiert wurde, steht er hier in seinem „Company’s Garden“ weiter unangetastet und posiert für die Fotos der Touristengruppen, die durch den Park geführt werden. So wie seine Gleichgesinnten an unzähligen weiteren Orten in dieser Stadt. Dass sie dort noch immer stehen ist keineswegs entmutigend. Sie schwächen nicht den Sieg des RMF, sondern geben einen Eindruck davon, wie groß die Arbeit ist, die noch geleistet werden muss.

Die Gartenkolonie als Park

Neben Historischem gibt es auch Alltägliches im „Company’s Garden“ zu beobachten. Eine Touristengruppe bewundert die Flora und Fauna. Ein Teil des Parks ist als botanischer Garten deklariert. Hier stehen Laubbäume neben Palmen. Die gutgemähten Rasenflächen erwecken Bewunderung in der Gruppe. Der deutsche Touristenführer weist im Vorbeigehen auf schlafende Bauarbeiter hin, die sich auf den Rasenflächen im Schatten ausruhen. Er erklärt seiner Gruppe: „Und hier schlafen die Schwarzen“.

Einer der vielen Sicherheitsmänner, die überall im Park patrouillieren und möglicherweise von der Aufmerksamkeit der Touristen alarmiert wurde, weckt einen der Schlafenden mit einem Fußtritt und einem Stoß mit seinem Gummiknüppel. Schlafen auf dem Gras ist verboten, sagt er von oben herab. Es kommt zu einer kurzen Diskussion. Der Mann deutet mit seinem Walkie-Talkie fuchtelnd darauf hin, dass er leicht Verstärkung holen könne und es dann weniger freundlich zugehen würde.

Der Beschuldigte weist darauf hin, dass am anderen Ende der Grasfläche ein Weißer liege, der selbst keine Anstalten mache, sich vom Fleck zu bewegen. Das sei etwas anderes, sagte der Sicherheitsmann. Der Typ sei verrückt, man kenne ihn.

Zu dem Zeitpunkt hat sich schon eine ganze Gruppe an Sicherheitsmännern um ihn positioniert und gibt ihm mit bedrohlichen Gebärden zu verstehen, dass er sofort zu verschwinden hätte. Aus der Ferne ist zu hören, dass der Arbeiter, der gerade aufgeweckt wurde, mit einem frankophonen Akzent spricht.

Was seit 2008 vom kollektiven Gedächtnis der Regenbogennation effektiv verdrängt wurde, ist im April 2015 mit einem erneuten Ausbruch der ‚Afrophobie‘ in Durban und Johannesburg bestätigt worden. An Einwanderern aus anderen afrikanischen Ländern, die hierher kommen, um den südafrikanischen Traum zu verfolgen, entlädt sich die Wut der untersten schwarzen Klasse Südafrikas. 2008 starben dadurch nach offiziellen Zahlen 62 Menschen. Im April 2015 starben mindestens sieben weitere und Tausende von ihnen wurden in Flüchtlingslager vertrieben. Die jüngsten Angriffe wurden angeblich von einem Kommentar des Zulu Königs Goodwill Zwelithini provoziert, der bei einer Rede verkündete, dass Ausländer „zurück in ihre Länder gehen sollten“.

"XeNOphobia": Protestmarsch gegen die Angriffe auf Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern im April 2015 im südafrikanischen Newtown flickr/cc/GovernmentZA

Erschreckend ist nicht nur die Gewaltbereitschaft des ärmsten Teils der südafrikanischen Gesellschaft, der laut Achille Mbembe zu einem Nationalchauvinismus erzogen werde, der ihnen den Blick auf das eigentliche Problem ihrer Gesellschaft verdeckt: anstatt die unveränderten Strukturen des Post-Apartheid-Kompromisses zu hinterfragen, bekämpfen sich die Ärmsten der Armen in einem Wettbewerb, von den weißen Chefs ausgebeutet zu werden. ‚Afrophobie‘ daher auch deshalb, weil weiße Einwanderer von der Gewalt ausgenommen werden.

Besonders bemerkenswert ist aktuell, dass sich die südafrikanische Regierung nicht schützend vor die Opfer der Attacken stellt. Stattdessen unterstützt sie tatkräftig die Kriminalisierung der ablässig als „Ausländer“ bezeichneten Einwanderer, – überwiegend aus Somalia, Äthiopien, Mosambik und Simbabwe – denen die Ministerin Lindiwe Zulu nach der Gewaltwelle einen „geheimen Geschäftsvorteil“ unterstellte. Anstatt die Solidarität und Gastfreundschaft der Anrainerstaaten des damaligen Apartheidstaates zu erwidern, orientiert sich die südafrikanische Regierung unter Zuma offensichtlich am Vorbild der EU in Sachen Migrationspolitik.

Teil IV folgt

Lies Hatfield Street Teil II

Lies Hatfield Street Teil I


Published January 2016




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