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Hatfield Street II



 

Cape Town, South Africa  Moses März beobachtet in seiner Serie „Hatfield Street“ die südafrikanische Post-Apartheid Gesellschaft. Mit seinen Augen laufen wir durch diese Straße und erhalten eine Ahnung davon, wie Gesellschaft in Südafrika funktioniert. Hatfield Street, zweiter Teil.

Deluxe Coffee House — 9 Uhr

Die Ruhe, die sich nach der morgendlichen Rushhour in der Straße breit gemacht hat, wird von Polizeisirenen durchbrochen. Ein Polizeikonvoi mit drei Containern an Gefangenen rollt über die Kreuzung Richtung Landesgericht. Zwischen den Gitterstäben der Anhänger sind die Hände der Gefangenen zu sehen. Ein paar Stunden später fährt der Konvoi mit viel Lärm zurück. Dann ist wieder nur das Rauschen der Bäume zu hören, die der Zuschreibung unseres Viertels als einem Leafy Suburb einen Sinn geben. All jene, die nicht schon um acht bei der Arbeit sein müssen, sind jetzt als letzte auf dem Weg zu ihren Büros.

Das Deluxe Coffee House könnte auch in Berlin-Kreuzberg stehen: Hier sind Weiße SüdafrikanerInnen und EuropäerInnen unter sich. Moses März

Auf den Gehsteigen und in Hauseingängen laufen sie an liegenden Menschen vorbei, die von Plastikplanen, Kartons oder Fleece-Decken bedeckt sind. Unter den Decken ragt manchmal nur der Ansatz eines Schuhs oder einer Hand hervor. Vom bloßen Hinsehen ließe sich nicht sagen, ob sie tot oder lebendig sind. In Wahrheit macht es auch für niemanden, der vorbeiläuft, einen Unterschied.

In der Garage einer Seitenstraße liegt das Deluxe Coffee House. Bei einem bestimmten Teil der weißen südafrikanischen Gesellschaft ist der Laden gerade besonders beliebt. Er spielt in einer Liga mit anderen Coffee Shops, die ebenso hochtrabende Namen wie The power and the glory, Truth Coffee Cult, Vida e Cafè, und Artisan Coffee tragen.

Das Café liegt im Herzen einer Gegend, die während einer Marketingkampagne in The Fringe umbenannt wurde. The Fringe bezeichnet den fast komplett gentrifizierten Ostteil des Stadtzentrums. Innerhalb weniger Jahre eröffneten hier dutzende Cafés, wo vorher Autowerkstätten und Kleiderfabriken waren.

In den 1960er und 70er Jahren hieß der Stadtteil noch District Six und galt als lebender Widerspruch zur Apartheid Ideologie – bis er mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht wurde. Erst wurden die Einwohner in Coloured, Schwarz und Indian eingeteilt und dann in separate Townships verschleppt. Nur eine leere Grasfläche hinter The Fringe erinnert heute an die Geister des District Six.

Hier, im Deluxe Coffee House wird niemand verfolgt. Rennräder hängen an der unverputzten Backsteinwand. Die Atmosphäre ist betont lässig, als ob der Arbeitstag für den Rest der Stadt nicht schon seit Stunden begonnen hätte. Als ob es für die Kunden des Deluxe Coffee House keine Arbeit mehr zu erledigen gäbe. Hier sind weiße Südafrikaner und Europäer unter sich. Hier fühlen sie sich zu Hause. Hier wird Kaffee live geröstet.

Die Angestellten, alle mit angesagter World Barista-Champion-Attitüde, tragen schwarze T-Shirts, auf denen in weißer Schrift der Name des Coffee Shops prangt. Sie sind tätowiert, gepierct und trinken so viel Kaffee, dass ihre Augen blutunterlaufen sind. Auf der Anlage läuft Lenny Kravitz „Are you gonna go my way?!“

Hinter aufgeklappten Apple-Laptops ist zu übersehen, dass die Leute hier auf dem Weg zu ihren Jobs sind. Sie haben es nicht eilig. Die Kreativindustrie hat in dieser Straße Büros installiert, auch Amazon ist vor wenigen Jahren in die Nachbarschaft gezogen. Amazon hat ein 20-stöckiges Gebäude für südafrikanische und deutsche Callcenter-Mitarbeiter gemietet, die sich um die Beschwerden der deutschen, amerikanischen und britischen Amazon-Kunden kümmern sollen.

Das Amazon-Gebäude in Kapstadt: Hier kümmern sich die Angestellten um die Beschwerden der deutschen, amerikanischen und britischen Amazon-Kunden. Moses März

Neuankömmlinge sind überrascht – vielleicht auch erleichtert –, dass in diesem Café keine schwarzen Südafrikaner zu sehen sind. So ein Café könnte ohne Probleme in Berlin-Kreuzberg stehen. Der Aufkleber am Eingang, auf dem „Ons praat Afrikaans“ steht, weist darauf hin, dass hier Afrikaans gesprochen werden darf. Afrikaans war einst die Sprache, die vom Apartheidsregime als Hauptzwangsinstrument in den Schulen des Landes benutzt wurde. Damit wird die Gewalt von damals in Harmlosigkeit und Minderheitenrhetorik verwandelt, die es vor dem Einbruch des Englischen und der Förderung afrikanischer Sprachen zu bewahren gilt.

Da der Wunsch nach einem authentisch afrikanischen Erlebnis bei europäischen Besuchern jedoch groß ist, rufen solche Beobachtungen ungute Gefühle hervor.

Aber nicht nur bei Touristen ist der Wunsch nach Afrika spürbar. Er durchdringt The Fringe auf eigenartige Weise. Was für junge Europäer Tätowierungen mit Stern-Motiv sind, ist hier der Umriss des afrikanischen Kontinents auf freien Schulterblättern, Knöcheln und Oberarmen. Er baumelt als Goldkettchen-Anhänger um blasse Hälse und prangt stolz in Neonfarben auf Designer T-Shirts oder als Aufkleber auf den Hinterteilen von Allradantrieb-Autos.

Was hat das zu bedeuten? Wo sich die Stadt doch so sehr bemüht wie New York, L.A. oder Miami zu wirken!

Wie Paul Theroux in seinem Essay „Tarzan is an Expatriate“ erklärt, lässt sich das Verhalten Weißer in Afrika am besten mit dem Wunsch erklären, besonders sein zu wollen. Laut Theroux gehen damit auch eine gewisse Ablehnung der industrialisierten Welt und ein unterbewusstes Verlangen einher, dem Körper die Vorherrschaft über das Denken einzuräumen. Wie schnell dieser Wunsch Globetrotter und weiße Südafrikaner vereint, ist hier besonders leicht erkennbar.

Mitten in Afrika, weit weg von Europa und gleichzeitig so nah dran, sind hier alle ganz besonders besonders.

Der Kanonenschuss — 12 Uhr

Ein Kanonenschuss markiert die Mitte des Tages. Die Fensterscheiben von Autos und Wohnungen vibrieren von der Detonation. Ansonsten ist die Straße zu dieser Uhrzeit ruhig. An der Straßenseite sind nur wenige Autos geparkt, von Leuten, die sich oben an der Tankstelle ihr Mittagessen kaufen.

Die Kanone, Noon Gun genannt, steht auf dem Signal Hill, einem Grashügel, der von unserer Straße aus gesehen den Horizont bildet. Über einen steinigeren Hügel, den Lions Head, geht er in den Tafelberg über. Früher wurde der Stadt bei ankommenden Schiffen mit der Kanone ein Signal gegeben. Daher der Name des Hügels.

Die Kanone ist eine eher unscheinbare Touristenattraktion und Teil eines kleineren Militärgeländes. Dort steht auch eine Baracke, in dem der Kanonenaufseher mit seiner Familie und einem Hund wohnt. Eine blaue Plakette neben der Kanone weist darauf hin, dass dieser mittägliche Kanonenschuss seit 1806 die älteste Tradition der Stadt sei.

Hinter dem Signal Hill liegen die Stadtteile Sea Point und Green Point, die an den Atlantischen Ozean grenzen. An manchen Tagen dringt die frische Meeresluft von dort bis hierher in den Stadtkessel.

Das Viertel "The Fringe" bezeichnet den fast vollständig gentrifizierten Ostteil des Stadtzentrums. Moses März

Allein die Tatsache, dass die Kanone der einstigen Kap Kolonie seit mehr als zwei Jahrhunderten den Tagesrhythmus der Stadt bestimmen darf, gibt einen Eindruck davon, wie sehr das Selbstverständnis von Kapstadt als Kolonie internalisiert wurde.

Die Kreuzung

Auf der Verkehrsinsel vor der Tankstelle steht eine Frau, die das Straßenmagazin The Big Issue verkauft. Sie trägt eine rote Windjacke, auf der in weißen Buchstaben der Name des Magazins gedruckt ist. Mit einem Exemplar in der Hand steht sie dort den ganzen Tag. Auch wenn es regnet. Gegen Abend setzt sie sich manchmal an der Straßenseite hin. Ich habe selten gesehen, dass Autofahrer ihr eine der Ausgaben abgekauft haben.

Das Hauptargument der Publikation ist, dass die Hälfte des Umsatzes bei den Verkäufern bleibt. Inhaltlich ist die Zeitung nicht wirklich attraktiv. Anders als die Berliner Straßenzeitung Motz wird die Big Issue nicht von Obdachlosen selbst, sondern vorwiegend von Praktikanten aus den USA oder Europa geschrieben, die für ein Semester an der Elite Uni der Stadt studieren und nebenbei erste Erfahrung im Journalismus sammeln. Thematisch konzentriert sich die Big Issue daher vorwiegend auf Naturthemen wie Wandern und Surfen, und auf Nelson Mandela.

Der Untertitel der Zeitung ist „Make a Difference – Create Jobs, Change Lives“. Auf der Vorderseite der Jacke der Verkäuferin ist unter dem Titel ein leeres Feld, in dem sie selber eintragen kann, was ihr eigenes ‚großes Problem‘ oder ‚Anliegen‘ ist. Ich nehme an, dass damit eine Form der Eigeninitiative suggeriert werden soll. Die Frau auf der Verkehrsinsel hat dort geschrieben: „Support my family“ - "Unterstütze meine Familie". Wenn sie den Rücken zu uns dreht, steht auf ihrem Rücken zudem „I am an Entrepreneur“ - "Ich bin eine Unternehmerin". Weiter unten, an ihrer Hüfte prangt das Fair Trade-Logo.

Lies Hatfield Street Teil III

Lies Hatfield Street Teil I


Published November 2015




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