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Rock, Strümpfe und Stöckelschuhe

Zeugnisse einer Großstadt



 

Mexico City, Mexico  Mariana verließ früh am Morgen das Haus, um zur Arbeit zu gehen. Es war ein Dienstagmorgen wie jeder andere; alles war wie immer: Menschen, die über die Straßen eilten, um öffentliche Verkehrsmittel zu erreichen. Kinder, die sich sputeten, pünktlich zur Schule zu kommen. Der ohrenbetäubende Lärm der Autos und die übliche Hektik einer Großstadt.

"Das ist die Liste mit Dingen, die mir gefallen, wenn man sie auf der Straße im Vorbeigehen zuruft." someecards

Erst als sie um die Ecke bog und auf den Müllmann traf, der sie mit einem sehr herzlichen „Guten Morgen“ grüßte, merkte sie, dass dies kein Tag wie jeder andere werden würde. Doch sie erwiderte den Gruß nur und ging weiter.

Als sie in den Bus stieg, der sie zur nächstgelegenen U-Bahn Station fahren würde, stand einer der Fahrgäste höflicherweise auf und bot ihr seinen Platz an. Etwas verwundert darüber sah sie sich um und bemerkte, dass auch andere Frauen standen, unter ihnen einige in ihren Dreißigern. Doch keiner war der Platz angeboten worden. Ohne weiter darüber nachzudenken, setze sich Mariana, holte ihr Buch hervor und begann mit ihrer Morgenlektüre.

Endlich kamen sie an der Haltestelle der U-Bahn Station an. Kurz bevor Mariana aus dem Bus aussteigen konnte, wünschte der Fahrer ihr einen schönen Tag – allerdings nur ihr. Auch unten in der U-Bahn Station „Observatorio“ wurde sie gegrüßt, nämlich von dem Polizisten, der dort jeden Tag den ausschließlich für Frauen vorgesehenen Eingang überwachte und sich noch nie besonders freundlich gezeigt hatte.

Als Mariana auf der Arbeit ankam, bemerkte sie abermals etwas Seltsames: Manche ihrer Kollegen grüßten sie anders als sonst, und andere, die sie noch nie gegrüßt hatten, taten es auf einmal. Sogar ihr Chef war viel netter als gewöhnlich.

Es war alles sehr merkwürdig und Mariana konnte sich nicht erklären, woher der plötzliche Sinneswandel der Männer kam. Als sie die Arbeit später wieder verließ und sich auf den Heimweg machte, fiel ihr auf, dass es mit den Blicken, den Grüßen und allen sonstigen Aufmerksamkeiten weiterging: Am Ende des Tages bot ihr einer der Busfahrer an, bei ihm zu sitzen und ließ sie sogar vor allen anderen wartenden Personen in den Bus steigen.

Da wurde Mariana klar: Ihr kurzer Rock – noch nicht einmal ein Minirock –, schwarze Strümpfe – sogar blickdicht – und Stöckelschuhe hatten das Bild, das die Männer von ihr hatten, verändert, auch wenn sie sie teilweise nicht einmal kannten. Zuhause angekommen erzählte sie verärgert ihrem Mann von den Erlebnissen.

Männer seien zu visuell. Es gefiele ihnen, Frauen anzustarren, egal ob sie single oder verheiratet, schlank oder füllig seien. Hauptsache, sie könnten sie dabei beobachten, wie sie laufen, in Verkehrsmittel ein- und aussteigen, wie sie sich hinsetzen und wieder aufstehen.

Doch was sie nicht wüssten, wäre, dass es uns Frauen nicht schmeichelt, wenn sie uns ihren Platz überlassen oder uns auf den Hintern oder die Beine schauen. Und niemals möchte sie eine Unterhaltung mit dem Busfahrer beginnen müssen, weil er sie vor allen anderen hat einsteigen lassen.

"Selbst wenn mein Tag aufgrund der Auswirkungen, die ein Rock, Strümpfe und Stöckelschuhe auf Männer haben können, anders war, werde ich nichts daran ändern, das zu tragen. Ich ziehe an, was mir gefällt, auch wenn ich in den Augen der Männer heute eine andere Mariana war, vielleicht sogar eine hübschere. Dennoch werde ich morgen wohl besser in Hosen zur Arbeit kommen. "


Published February 2016




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