Flucht aus der Armut



 

Priština, Kosovo  Migration prägt Gesellschaften in ganz Europa: Während der Westen des Kontinents versucht, Einwanderer fernzuhalten, kämpfen Staaten im Osten, wie mein Heimatland Kosovo, mit dem Exodus junger Menschen.

Kosovo ist „potenzieller Beitrittskandidat“ der EU und das einzige Land auf dem Balkan, das nicht Teil des freien Visa-Systems ist. © flickr/cc/MPD01605

Im Kosovo wiederholt sich Geschichte. Wie in den 1970er Jahren verlassen auch heute Menschen in großer Zahl das Land in Richtung Westeuropa. Dieser Trend wirft eine Reihe von Fragen auf: Welche Gründe haben Menschen zu migrieren? Warum lassen sie alles zurück, für eine unbekannte Zukunft an einem unbekannten Ort? Und was bedeuten ihre Entscheidungen für die Gesellschaft?

Die Parallelen zwischen 1970 und 2015 sind erstaunlich: Wieder zwingen Perspektivlosigkeit, hohe Jugendarbeitslosigkeit und wirtschaftliche Stagnation viele zur Flucht aus dem Kosovo. Es gibt allerdings auch einen wichtigen Unterschied: Damals zogen einfache ArbeiterInnen nach Europa, in Deutschland wurden sie „Gastarbeiter“ genannt. Heute verlassen vor allem junge, gut ausgebildete Menschen den Kosovo. Dies führt zu einem dramatischen Brain Drain.

Jeder 165. Einwohner ist heute bereit, das Land zu verlassen

In den 70er Jahren veranlasste die schlechte Wirtschaftslage im ehemaligen Jugoslawien rund 200.000 KosovarInnen vor allem nach Westeuropa zu migrieren — auf der Suche nach einem besseren Leben. In den 90ern mussten die Menschen vor dem Krieg auf dem Balkan fliehen.

Heute herrscht Frieden. Aber noch immer verlassen viele das Land. Eine ganze, junge Generation ist frustriert vom Mangel an Arbeitsplätzen, von der Vetternwirtschaft, der Korruption und dem schlechten Bildungsniveau im Kosovo.

Der Kosovo ist eines der ärmsten Länder in Europa. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 47 Prozent. Laut Statistiken der Weltbank leben mehr als 45 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, 15 Prozent leben sogar in extremer Armut. Viele entscheiden sich, woanders hinzugehen. Im Jahr 2014 beantragten laut Eurostat insgesamt 23 000 Menschen aus dem Kosovo Asyl in Europa. Einer von 165 hier im Land ist bereit, den Kosovo zu verlassen.

Kein Zeichen einer Visa-Liberalisierung

Die Regierung des Kosovo kann die Lebensbedingungen der Bevölkerung nicht verbessern. Seit der Kosovo 2009 seine Unabhängigkeit erklärt hat, blieb die Arbeitslosenquote unverändert hoch. Die Menschen verlieren die Hoffnung. Der Staat versagt heute auf ganz ähnliche Weise wie die Autoritäten im ehemaligen Jugoslawien 1970.

Der Kosovo ist das einzige Land auf dem Balkan, das nicht Teil des freien Visa-Systems ist. Während der Staat dabei ist, das EU-Assoziierungsabkommen zu unterzeichnen, besteht bei der Visa-Liberalisierung wenig Hoffnung. Die wichtigsten Bedingungen wurden bislang nicht erfüllt: Der Kosovo sieht sich nach wie vor mit Korruption und Organisierter Kriminalität konfrontiert. Die Zahl der Auswanderer steigt.

Die EU hat im Kosovo so viele Gelder für Entwicklungshilfe ausgegeben wie in kaum einem anderen Land. Trotzdem — den Brain Drain konnte das bis heute nicht stoppen.

Publiziert Juli 2015
Erstveröffentlichung (Originalartikel): 28.01.2015 (b-irc.org)