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Eine Ode vom Leben und dem Tode



 

Alles für den Menschen Fassbare und Unfassbare ist dem universellen Prinzip des Werdens und Vergehens geweiht, so auch das Leben und der Tod, die unter jenes fallen. Das ist zugleich ein Grundprinzip des Daseins, so auch des menschlichen. Der Begreifungsprozess desselben währt ein Leben lang. So ist es notwendig, sich Konzepte zu überlegen, die erlauben, dem Tag für Tag näher tretenden Tod so zu begegnen, dass die Angst, die der Mensch vor diesem zugleich verspürt, ihn, in seiner Freiheit zu handeln, nicht kastriert.

Der Mensch führt einen stetigen Kampf zwischen Endlichkeit und Unendlickeit, er führt eine Existenz zwischen der Vergänglichkeit der Materie und der Unvergänglichkeit des Geistes, die ihn vor Aufgaben stellt, mitunter vor die der Bekämpfung des Übels, das den Menschen zu einem für ihn unnatürlichen Tode führen kann.

Der Idiot

Der unnatürliche Tod ist der, zu dem ein Mensch von einem anderen direkt oder inderekt, unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit, wohl aus Gier und Rache, veurteilt wird. Dieser Tod ist das vom Menschen auferlegte Ende eines anderen, es ist das Urteil zum Tode. In Dostojevskijs Roman „Der Idiot“ sagt der Fürst zum Todesurteile:

Der Idiot Georg Mkrtcian

„[...] Ich hätte nie gedacht, dass [...] ein erwachsener Mensch vor Angst weinen könnte [...]! Was muss mit der Seele in diesem Augenblick geschehen, bis zu welchen Krämpfen wird sie gemartert? [...] Führen Sie einen Soldaten in der Schlacht geradewegs vor die Kanonen und lassen Sie auf ihn feuern, er wird doch immer noch hoffen, mit dem Leben davonzukommen; aber lesen Sie demselben Soldaten sein Todesurteil vor, das unfehlbar an ihm vollstreckt werden wird, so wird er entweder irsinnig werden oder in Tränen ausbrechen [...].“

Es gibt eine Erkenntnis, die einen augenblicklichen Einblick in das Wesen des Menschen erlaubt, nämlich, dass er einerseits nicht getötet werden will und andererseits selbst nicht töten sollte. Genau in dieser Ambivalenz, die eigentlich keine ist und erst während des Handelns zu einer wird, liegt das unerschöpfliche Elend des menschlichen Seins. Um einen Menschen zu töten, muss es nicht zwangsläufig zu seiner physischen Ermordung kommen, die Umstände können ihm dazu verhelfen den innneren Tod, lange bevor das Herz aufhört zu schlagen, zu erreichen. Diesen erleidet er dann, wenn seine Hoffnung auf eine ihm als Mensch würdige Existenz konserviert wird bis sie beinahe erlischt oder wenn er instrumentalisiert wird und sein natürliches Bedürfnis auf Leben permanent gefährdet ist oder es nur in einem Rahmen stattfinden kann, der für sein Wesen nicht zuträglich ist. Ein hoffnungsloser Mensch ist ein innerlich toter Mensch, der bereit zur Barbarei und zur Vernichtung ist.

Wenn ein Mensch einen anderen in eine für ihn aussichtslose, ja hoffnungslose Situation drängt, verletzt er seine sittliche Pflicht und begeht einen Fehler, im Dostojevskijschen Sinne – eine Sünde, weil er sich selbst die göttliche Absolution erteilt und sich damit über die Menschheit erhebt.

Das Übel der Welt

Das heutige Übel heißt Kapitalismus, dessen Abgott der Mammon ist, der alles Lebende, so auch die Menschen in sich einschließt, auch diejenigen, die über das meiste Kapital verfügen. Je mehr Kapital jemand besitzt, über desto mehr Leben kann er verfügen. Insofern bestimmt der Mammon über Leben und Tod und damit auch über Hoffnung.

Der Reigen des Mammon Georg Mkrtcian

In seinem kürzlich bei Zeit Online erschienen Artikel „Die Menschenschwärme“ stellt der Philosoph Armen Avanessian von seinem akzelerationistischen Standpunkt aus fest:

„Gleiche Chancen für alle sind in unserem Wirtschaftssystem nicht vorhanden, sie werden geradezu systematisch ausgeschlossen. Das hegemoniale Zentrum lebt von seiner Kontrolle über den Transit von Menschen und Gütern. Souverän ist, so könnte man sagen, wer Kontrolle über den Transit hat, wer also über Produktion sowie Einfuhr und Ausfuhr von Gütern und Menschen entscheidet.“

So lebt der Mensch, nach wie vor, in einem Herr-Knecht-Verhältnis, in dem er als Knecht das Knechtsein bereitwillig verdrängt, wenn er Kapital, entweder gemessen am Maß der Knechtschaft oder aus Willkür, im Gegenzug erhält. Hierin liegt der Akt der Tötung des Menschen, verursacht durch Menschen.

„Schönheit rettet die Welt“

Schönheit ist das Dostojevskijsche Prinzip, das Werkzeug mit dem sich das Übel der Welt bekämpfen lässt. Sie ist die Güte, mit der ein Mensch uneigennützig vor einen anderen tritt. Sie ist der Atem des Lebens, die Hoffnung schlechthin. Sie ist dasjenige, das den Menschen vor jenem unnatürlichen Tode bewahrt, indem sie ihm eine Sekunde Ewigkeit schenkt.

Solange der Mensch als Werkzeug des Kapitalismus in der einen oder anderen Rolle fungiert, muss er sich mit dem eigenen unnatürlich herbeigeführten Tode, in der einen oder anderen Form, auseinandersetzen bis ein Paradigmenwechsel stattfindet, denn der Mensch ist niemals Objekt, sondern stets Subjekt bzw. er ist lediglich insofern Objekt, als dass er Subjekt ist.


Published October 2015




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