Eine Frage der Ehre



 

Melilla, Spain  Im spanischen Melilla versuchen Hauptmann Gallego und seine Männer, Menschen aus Afrika davon abzuhalten, über den Grenzzaun zu klettern. Ibrahim aus Kamerun hat es, zusammen mit vielen Anderen, trotzdem über diesen millionenteuren Zaun geschafft. Eine Reportage vom südlichsten Rand Europas.

Ibrahim hat es nach mehreren Versuchen geschafft, den Grenzzaun zu überwinden. © Pascal Mora

Als er Ibrahim sah, verzog Hauptmann Gallego das Gesicht. Er war sichtlich enttäuscht. Gestern hatte er uns den Zaun rauf und runter chauffiert, seinen Zaun, und uns alles erklärt: Wie sie kommen, warum sie nicht kommen dürfen, und dass das alles ein „fettes Problem“ sei, für das er auch keine Lösung habe. Er hatte sich klar ausgedrückt und war freundlich geblieben. Und jetzt spazierten wir an dem Tisch draussen vor dem Casino Militar von Melilla vorbei, wo Gallego sein Bier trank, und hatten Ibrahim im Schlepptau. „Der da ist über den Zaun gekommen?“, sagte der Hauptmann, und es war eher eine Feststellung als eine Frage. Ich nickte. Es war klar, dass die Unterhaltung damit beendet war.

Am Tag zuvor hatte Gallego uns im Jeep der Guardia Civil durch Melilla gefahren, von ganz unten am Meer bis ganz hoch zum Zaun. Ein uralter Mercedes mit marokkanischen Nummernschildern blockierte den Kreisel. Gallego lehnte sich auf die Hupe. „Die haben das Gefühl, sie seien hier mit dem Eselskarren unterwegs“, sagte er und grinste. Gallego war 20 Jahre bei der Guardia Civil in San Sebastian, wo er gegen die Militanten der baskischen ETA kämpfte. „Es gibt Morddrohungen gegen mich“, sagte er. Darum will er nicht, dass sein Gesicht fotografiert wird. Vor fünf Jahren wurde Gallego nach Melilla versetzt, an den südlichsten Rand Europas.

Wenn im spanischen Fernsehen der Wetterbericht kommt, sieht man Melilla nicht. Es liegt so weit unten auf der Karte, dass es von dem Balken verdeckt wird, über den die Börsenkurse flimmern. Was aber nicht weiter schlimm ist, meist scheint ohnehin die Sonne. Melilla ist, zusammen mit dem weiter westlich gelegenen Ceuta, europäisches Territorium auf dem afrikanischen Kontinent. Ein Ort, wie ihn ein fieser Drehbuchautor nicht besser hätte erfinden können: die Landgrenze zwischen den Ärmsten und den Reichsten der Welt.

Deshalb der Zaun: Seit in den letzten zehn Jahren immer mehr junge Männer aus Ländern südlich der Sahara versuchen, über Melilla nach Europa zu gelangen, hat die EU die zwölf Kilometer Grenze für Millionen Euro aufgerüstet. Mittlerweile stehen da drei Zäune, sechs Meter der höchste, bewehrt mit rasiermesserscharfem Nato-Stacheldraht. Gallego war fünf Jahre lang Chef des Zauns. Jetzt, mit über 55, ist er seit kurzem Reservist und kümmert sich um die Sorgen der Bevölkerung. Und um Journalistinnen und Journalisten. „Der Draht mit den Klingen ist gut sichtbar“, sagte Gallego. „Wer da raufklettert, weiss, worauf er sich einlässt.“

Der Grenzzaun ist 12 Kilometer lang und bis zu sechs Meter hoch. © Pascal Mora

Ibrahim, 28, aus Kamerun, wusste, worauf er sich einliess, als er in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai am Zaun stand. Ibrahims sanfte Stimme bricht, wenn er von jener Nacht erzählt: „Es war mein dritter Versuch, aber so nahe an den Zaun hatte ich es zuvor nicht geschafft. Es war wie im Film. Wir waren Hunderte, und alle wollten dasselbe: einfach nur da rüber.“

Ein Jahr und acht Monate zuvor hatte seine Reise begonnen: „Es war der 29. September 2012, ein Samstag.“ Ibrahim bestieg einen Zug in der Hauptstadt Yaoundé und fuhr nach Norden. Fünf Monate später war er einer von Tausenden, die sich im Wald von Gourougou auf die letzte Etappe vorbereiteten: Der Zaun, nur wenige Kilometer von ihnen entfernt, war das letzte Hindernis auf seinem Weg. Doch je näher er Europa kam, desto langsamer ging es vorwärts. Ein Jahr verging, Ibrahim versuchte es mehrmals von Tanger aus über das Wasser und ertrank dabei zweimal fast im Mittelmeer. Im Mai kehrte er zurück in den Wald. Wenige Tage später war Ibrahim bei einem der grössten Anstürme dabei, den Melilla je erlebt hat. „Wir waren etwa 800 Leute, vor allem Malier und Kameruner, und wir waren gut vorbereitet. Mit uns waren vier Frauen, eine davon schwanger“, erzählte er. „Nach Mitternacht brachen wir auf. Vom Wald waren es etwa zwölf Kilometer bis zum Zaun.“

„Wir marschierten mehrere Stunden über Ziegenpfade durch kleine Nadelwälder. In einer Senke warteten wir, den Zaun etwa einen Kilometer vor uns. Dann, gegen 4.30 Uhr, kam der Helikopter. Die Guardia Civil hatte uns entdeckt. Das hiess, dass auch die Marokkaner bereits auf dem Weg sein mussten.“

Die Wucht des Schwarmes als einzige Chance

Gallego steuerte den Jeep dem Zaun entlang. Er und seine Männer, sagte er, seien das Erste, was „el Negro“, der Schwarze, von Europa sehe. „Aber wir sehen ihn schon lange vorher.“ Jeder Sektor des Zaunes, A1 bis A79, ist totalüberwacht, alle zehn Meter gibt es Infrarotkameras und Flutlichter, Geräuschsensoren und Bewegungsmelder. Der Helikopter der Guardia Civil, der auf dem kleinen Flughafen von Melilla steht, ist mit einer Wärmebildkamera bestückt, genauso wie einige Fahrzeuge. Damit lässt sich jede Bewegung im Gelände auch in stockdunkler Nacht auf Kilometer entfernt entdecken. Oft stürmen die jungen Männer aus Afrika die Grenze zu Hunderten, die Wucht des Schwarmes ist ihre einzige Chance gegen die technische Übermacht. „In letzter Zeit sind sie immer besser organisiert, fast schon militärisch“, sagt Gallego.

„Viele von uns waren schon mehrmals am Zaun“, erzählte Ibrahim weiter. „Manche haben ihn auch schon bezwungen, wurden dann aber von der Guardia Civil wieder nach Marokko abgeschoben. Das ist ein Vorteil, denn diese Brüder kennen das Terrain. Sie wissen, wo man am besten angreift und wie man auf der anderen Seite ins Lager kommt. Nur weil du es auf europäischen Boden geschafft hast, bist du noch nicht in Sicherheit. Sicher bist du erst im Campo. Wir haben eine Taktik entwickelt: Einige stossen mit langen Haken den Nato-Stacheldraht am ersten Zaun hoch, damit die anderen darunter hindurch können.“

Jedes Mal, wenn sie wieder stürmen, schaffen es einige, manchmal viele. Mit Ibrahim gelangten in jener Nacht gegen 500 Menschen auf europäischen Boden. Jedes Mal bleiben aber auch Schwerverletzte zurück, werden von den Grenzschützern der Forces Auxiliaires auf der marokkanischen Seite zusammengeschlagen und mit Steinen beworfen, fallen vom Zaun oder ziehen sich tiefe Schnittwunden zu. Manchmal wird auch scharf geschossen. In den letzten zwei Jahren sind über 40 Menschen am Zaun von Melilla gestorben.

„Nicht mein Job“: Polizist Gallego © Pascal Mora

„Als der Helikopter kam, teilten wir uns auf. Eine Gruppe rannte zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Andere bewegten sich zum Zaun hinunter. Ich bekam Angst. Ich wusste nicht, was jetzt passieren würde. Aber ich wusste, dass dies der Moment war: jetzt oder nie. Ich realisierte, dass ich jetzt mein Leben auf’s Spiel setzen würde. Ich war seit zwei Jahren unterwegs, und in der nächsten Stunde könnte ich tot sein oder drüben, in Europa. Ich rannte los, etwa eine Viertelstunde lang ohne Unterbruch.“

Dann stand Ibrahim am Zaun. „Da wird gedrängt, gezogen, geschrien, Leute klettern übereinander, stossen vorwärts. Manche finden den Tod an Ort und Stelle. Aber alleine schafft es keiner, und es können nicht alle rüber.“

„Wir geben den Marokkanern Bescheid“

Hauptmann Gallego lenkte den grün-weiss lackierten Jeep in die Sicherheitszone Pinares de Rostrogordo und parkte, unten im letzten Sektor, A79, wo der Zaun endet und die Grenze jäh ins Mittelmeer abfällt. Er lehnte sich an die Brüstung über der Klippe. Von seinem Gurt baumelte die kleine Beretta mit weissem Kunstperlmuttgriff. Durch das Gewirr von Maschendraht war auf der anderen Seite ein marokkanischer Soldat zu sehen, eine vermummte Gestalt in der bereits brütenden Vormittagssonne. Hin und wieder zog er an einer Zigarette. Gallego winkte ihm zu, aber der Gruss blieb unerwidert. „Wenn wir sie kommen sehen, geben wir den Marokkanern Bescheid“, sagt Gallego. Über die Methoden der Kollegen von der anderen Seite will er nicht urteilen, Marokko sei ein souveräner Staat, „sie tun, was sie für richtig halten“.

Ibrahim begann zu klettern. „Oben auf dem ersten Zaun spürte ich plötzlich einen dumpfen Schmerz am Hinterkopf. Ein Stein hatte mich getroffen, geworfen von einem marokkanischen Soldaten. Ich spürte, wie mir das Blut in den Nacken floss, aber ich konnte mich halten.“ „An einem gewissen Punkt spürst du, wie deine Füsse kalt werden, als hättest du sie in einen Eisschrank gesteckt. Ich weiss nicht, warum, vielleicht weil dir der Draht das Blut abschneidet. Aber du machst einfach weiter. Du darfst nicht zurückschauen, sonst bekommst du Angst. Da hinten gibt es nichts, was dir helfen könnte. Du schaust einfach nur hoch und kletterst.“ Am dritten Zaun, der allerletzten Hürde, merkten sie, dass sich etwas verändert hatte. „Da war plötzlich ein sehr feines Geflecht angebracht über dem Maschendrahtzaun, den wir schon kannten. So fein, dass unsere Finger und Zehen keinen Halt fanden. Das Problem ist, dass du für diese ganze Aktion nur drei, vier Minuten hast. Du musst drüben sein, bevor sich genügend Guardia Civil an der Stelle versammeln können, wo du runterkommst.“

Tattoos und rasierte Beine

Hauptmann Gallego stellte den Wagen im Hof des Hauptquartiers der Guardia Civil auf ein Parkfeld und gab die Schlüssel in der Garage ab. Oben, gleich einen Stock über seinem Büro, befindet sich „die Zentrale“. In einem fensterlosen Raum sassen vier Uniformierte vor Monitoren. In der Zentrale läuft alles zusammen, was die Kameras und Bewegungsmelder am Zaun registrieren. Melillas Augen und Ohren sind 24 Stunden am Tag weit geöffnet. „La pantalla“, ein grosser Bildschirm an der Wand, unterteilt in viele kleine Ausschnitte, ist das Einzige, was hier fotografiert werden darf. Wechselnde Einstellungen zeigen alle Sektoren des Zauns. „Wenn da irgendwo eine Ratte durchhuscht – wir sehen sie“, witzelte einer der vier Beamten.

Wie viel das alles kostet, ist nicht genau bekannt. 2005 gab die spanische Regierung 33 Millionen Euro aus, um den dritten Zaun zu bauen. 700 Beamte, davon 300 nur für den Schutz des Zauns, hat allein die Guardia Civil in Melilla stationiert, das mit rund 13,5 km² etwa so gross ist wie die Stadt Aarau (Anm. der Redaktion: Stadt in der Schweiz). Hinzu kommen die Policia Nacional und die Grenzpolizei. Trotzdem kommen immer mehr Menschen über den Zaun, dieses Jahr laut den Behörden schon mehr als 3500. Schon fast zweieinhalb Mal so viele wie 2013.

„Warum setzt man den Zaun nicht unter Strom? Das wäre doch das Einfachste“, frage ich Hauptmann Gallego. „Das geht nicht“, sagt er ruhig und senkt den Blick. „Europa dreht ja schon durch, wenn wir Stacheldraht anbringen wollen oder Wasserwerfer einsetzen.“ Also baut man weiter am Zaun: Im April versprach Madrid wieder einmal 1,3 Millionen Euro für den Zaun, im Juni weitere 1,5. Brüssel hat erst diesen Sommer 10 Millionen Euro Soforthilfe für Ceuta und Melilla überwiesen. Und der Innenminister versprach bei seinem jüngsten Besuch vor Ort, die Korps von Guardia Civil und Nationalpolizei temporär zu verstärken.

Melilla ist eine Garnisonsstadt. © Pascal Mora

Melilla ist eine eigentliche Garnisonsstadt. In den Drei- und Viersternehotels an der Plaza de las Culturas checken jeden Tag uniformierte Männer mit grossen schwarzen Taschen ein und aus: Guardia Civil, Policia Nacional, Luftwaffe, Marine. Sie sitzen morgens in den Cafés beim Frühstück, und nach der Siesta sind auffällig viele durchtrainierte Tätowierte mit Bürstenschnitten und rasierten Beinen unterwegs. Die Parkplätze an der Gasse zwischen den Hotels Anfora und Rusadir nehmen Streifenwagen und Mannschaftstransporter mit vergitterten Fenstern in Beschlag. Wenn sich am Zaun etwas tut und die Zentrale der Guardia Civil Alarm schlägt, dann klatschen hier die Blaulichter an die Fassaden und jaulen die Sirenen durch die Nacht.

Der Zaun als Selbstzweck

Dann weiss jeweils auch José Palazón, dass es losgeht. Er steigt dann aus dem Bett in seiner Wohnung, die gleich neben dem Hotel Rusadir liegt, packt die Videokamera und fährt ebenfalls hoch zum Zaun, den Blaulichtern hinterher. Palazón, ein hochgewachsener Mittfünfziger mit dichtem Bart und entspanntem Blick, unterrichtet an einer Hochschule in Melilla Betriebswirtschaft. Vor über zehn Jahren hat er die NGO Prodein gegründet, und seither verbringt er mehr Zeit am Zaun als in der Schule. Palazón dokumentiert die Anstürme der MigrantInnen und die Arbeit der Guardia Civil. Oder, wie er sagt: deren Übergriffe.

Anfang dieses Jahres ist es ihm gelungen zu beweisen, dass die Guardia Civil Migranten wieder nach Marokko zurückschafft. Ein Video auf Palazóns Blog Melilla Frontera Sur zeigt eine Kolonne von Geländewagen, die am helllichten Tag dutzende Menschen aus Afrika zum Zaun bringen. Dann werden sie durch die kleinen Türen, die alle paar hundert Meter ins Drahtgeflecht eingelassen sind, den marokkanischen Grenzschützern übergeben.

„Niemand beantragt in Melilla Asyl“: Migrantinnen und Migranten im Auffanglager © Pascal Mora

NGOs wie Human Rights Watch und Médecins sans Frontières kritisieren diese Praxis seit Jahren: Sie verletze das Recht jedes Migranten und jeder Migrantin auf ein rechtsstaatlich korrektes Verfahren, sobald sie europäischen Boden erreicht haben. Die Regierung in Madrid bestritt jeweils, dass solche Ausschaffungen überhaupt stattfinden. Nachdem Palazóns Video durch die spanischen Medien gegangen war, gab der Innenminister bei einem Besuch in Melilla im Juni offiziell zu: Ja, wir tun es, aber es ist nicht illegal. Was der Minister auch noch sagte: „Nach Spanien kommt man nicht durch’s Fenster. Sondern durch die Türe, wie es sich gehört.“ Will heissen: Wer die Grenze illegal übertritt, verwirkt sein Recht auf das Recht.

„Sie haben daraus eine Frage der Ehre gemacht“, sagte Palazón. All die Millionen für den Zaun und die Truppen, das müsse ja zu etwas gut sein. „Da dürfen also keine Menschen rüber“, resümierte er. Dabei machen die afrikanischen Zaunstürmer nicht einmal die Hälfte der MigrantInnen in Melilla aus. Rund 60 Prozent sind Menschen aus Syrien und den Maghreb-Staaten, die mit gekauften Papieren über den regulären Grenzübergang kommen – und dafür wohl auch die Beamten beidseits der Grenze schmieren. Das aber sehe man nicht, und davon spreche niemand, so Palazón. Der Zaun und die Anstürme hingegen erregten Aufmerksamkeit und Empörung. Damit liessen sich die Millionen aus Madrid und Brüssel rechtfertigen. „Der Zaun ist zum Selbstzweck geworden“, sagte Palazón.

Hauptmann Gallego führte uns zurück in den Hof, wo eine Gruppe von Guardia-Civil-Beamten gerade eine neue Wärmebildkamera auf einem Kastenwagen montierte. „El honor, nuestra principal divisa“ – Die Ehre ist unser oberstes Ideal, steht da eingemeisselt auf einem Steinblock neben dem Pförtnerhäuschen. Und über dem Eingang: „Todo por la patria“, alles für das Vaterland. Das alles, meinte Gallego zum Abschied, sei ein grosses Drama, und es brauche eine grosse Lösung. „Es bringt nichts, wenn man dem Afrikaner einen Fisch schenkt“, sagte er dann noch. „Man muss ihm das Fischen beibringen.“ Aber das sei nicht sein Job. “Der Zaun ist der Zaun, und unsere Aufgabe ist der Schutz der Grenze.“

Niemand will hier Asyl

Oben, wo der Zaun sich von der Strasse löst, um sich um den Golfplatz von Melilla zu ziehen, liegt das Auffanglager. CETI nennen es die Spanier, Campo de Estancia Temporal de Inmigrantes. Für die rund 1 400 Menschen, die hier leben, ist es schlicht das Campo. Das Lager.

Ibrahim ist seit zwei Monaten im Campo. „Das Leben hier besteht aus Essen und Schlafen. Ganz anders als im Wald oben. Dort konnten wir uns manchmal vier Wochen oder länger nicht waschen. Man konnte froh sein, wenn es einmal am Tag etwas zu essen gab. Seit ich im Campo bin, habe ich sechs Kilo zugenommen.“ Doch das Lager ist nur ein Zwischenziel. Das erste Wort, das man hier lernt: „Salida“, Abreise. Wer hier ankommt, will weiter auf’s Festland, wo es Arbeit gibt und man versuchen kann, sich weiter in den Norden durchzuschlagen. „Niemand beantragt in Melilla Asyl“, sagte José Palazón. Gleich bei der Registrierung eröffne man den MigrantInnen, dass das Verfahren in Melilla mindestens drei Jahre daure. „Drei Jahre in Melilla: Wer will das schon“, lachte Palazón.
Ein bürokratisches Paradox: Um nach Spanien zu kommen, müssen die Migranten und Migratinnen ein Dokument unterschreiben, in dem sie sich bereit erklären, Spanien freiwillig zu verlassen. Es ist, als ob sie gleich im Voraus auf alle Rechte verzichten. Erst dann werden sie auf’s Festland gebracht.

Immer dienstags und mittwochs ist Salida. Dann hängen die Aufseher im Campo die Listen auf. „Wenn du deinen Namen am Brett siehst, kannst du packen. Um elf Uhr abends geht das Schiff nach Malaga“, erklärte Ibrahim. Die freiwillige Ausreise steht dann bei niemandem auf dem Programm. „Nach fünf Jahren in Spanien erhalten sie eine Aufenthaltsbewilligung”, erklärte Palazon. „Bis dahin sind sie Freiwild.“ Ist wieder einmal ein Ausschaffungsflug nach Kamerun organisiert, sammelt die Polizei in den grossen Städten der iberischen Halbinsel Leute aus dem Kamerun ein, bis der Flug voll ist. „Aber“, sagte Palazón, „solange sie sich im Süden aufhalten, lässt man sie in Ruhe. Dort braucht man sie.“

Die Polizei in Madrid habe auch schon ganze Busladungen dieser Menschen direkt nach Almeria geschickt, wo sie vor den Treibhäusern abgeladen worden seien. Dort ernten sie für ein paar Euro am Tag Gurken und Tomaten. Ohne die billigen Arbeitskräfte hätte Spaniens Gemüseindustrie gegen die Konkurrenz aus Marokko keine Chance.

Die Nacht war hereingebrochen über dem Campo, der Zaun auf der anderen Seite der Strasse zog sich im schmutzigen Licht der Strassenlaternen den Hügel hinauf. Ibrahim blieben noch fünf Minuten bis 23.30 Uhr, dann musste er drin sein. „Was immer ich tun kann, um etwas zu verdienen, werde ich tun“, sagte er, als ich ihn zurück zum Tor begleitete. „Ich habe meine Heimat verlassen, um etwas zu finden. Meine Familie und mein Dorf haben mich unterstützt und bezahlt. Jetzt ist es nicht an mir, zu wählen.“

Publiziert September 2015
Erstveröffentlichung: 19.09.2014 (Surprise)