fr | de

Sexuelle Belästigung im Land der Menschenrechte



 

Orléans, France  Jede französische Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer sexueller Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage, die im April 2015 durchgeführt wurde. Daraufhin gab es einen lauten Aufschrei in den Medien und alarmierende Zahlen wurden veröffentlicht.

#stopharcèlementderue, Paris 2014 flickr/cc/Denis Bocquet

Auch die französische Regierung hat sich dieses Themas angenommen und arbeitet seit 2015 an einer Strategie, um sexuelle Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln zu bekämpfen. Sie entwickelte eine Kampagne, die mit Bild- und Videomaterial sowie dem Hashtag #HarcelementAgissons auf die Belästigungsproblematik in der Pariser Metro aufmerksam macht. Daraufhin wurden während der letzten Monate zahlreiche Dokumente veröffentlicht, die die Rechte von Opfern sexueller Belästigung klar darlegen.

Allerdings reagiert die Gesetzgebung nur langsam auf dieses immer wiederkehrende Problem. Für Opfer sexueller Gewalt gestaltet es sich daher als sehr schwierig, die Täter strafrechtlich verfolgen zu lassen. Zudem hat sich der französische Senat am 28. Januar 2016 geweigert, ein entsprechendes Gesetz zu erlassen, unter dem Vorwand, da es sich hierbei um ein schwer definierbares und vereinzeltes Problem handle, das schwer zu erfassen und zu sanktionieren sei.

Es sei daran erinnert, dass der französische Senat aus 142 Männern und 33 Frauen besteht, und dass letztere keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. So ist es wenig wahrscheinlich, dass sie oder Mitglieder ihrer Familie das abscheuliche Verhalten, das im öffentlichen Nahverkehr an den Tag gelegt wird, ertragen müssen.

Schon viel zu lange müssen wir dabei zusehen, wie dieses Problem banalisiert wird

Jahrhundertelang wurden Politik, Gesetze und Rechtschreibung von Männern für Männer festgelegt. Erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich die Lage der Frauenrechte in Frankreich langsam verbessert. Heutzutage hat eine Frau das Recht, ohne die Erlaubnis ihres Ehemannes zu arbeiten, ein Bankkonto auf ihrem Namen zu besitzen und sich für oder gegen die Ehe oder Kinder zu entscheiden. Die meisten Frauen auf der Welt haben diese Rechte nicht.

Allerdings haben die Anstrengungen mittlerweile nachgelassen. Selbst in der Nationalversammlung werden Rednerinnen, die sich für Frauenrechte einsetzen, sexistische Beleidigungen an den Kopf geworfen. Wir sehen dabei zu, wie ein Problem banalisiert wird, das immer schwieriger zu bekämpfen ist.

Marie Le Vern, Abgeordnete der Parti socialiste (PS), die Änderungsanträge an dem kürzlich entwickelten Gesetzesentwurf über die Sicherheit in öffentlichen Verkehrsmittel gestellt hat, weil er nicht genug auf die Sicherheit von Frauen eingegangen ist, erklärt: „Sexismus ist in unserem Land so tief verwurzelt, dass man ihm meist kaum mehr Beachtung schenkt. Seit Jahrzehnten wird er in den Medien vermittelt, er ist alltäglich, banalisiert und von Frauen verinnerlicht worden und wird von jenen akzeptiert, die ihn ausüben ohne sich dessen unbedingt bewusst zu sein. Dieser Sexismus ist schwer zu bekämpfen, da er zum Teil kulturell bedingt ist.“

Senatoren, die sich nicht betroffen fühlen

Am 10. Februar 2016 hat der Senat den von Le Vern geforderten Artikel 14 über sexuelle Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln, der zuvor gestrichen worden war, endlich wieder in den Gesetzesentwurf integriert. Es waren die Abgeordneten der paritätischen gemischten Komission, zuständig für Änderungsanträge bezüglich sexistischer Fragen, die ihn wiedereingeführt haben und nicht die Senatoren, die sich laut Le Vern „nicht betroffen fühlen“. Auf „Public Sénat“, der Homepage des Fernsehsenders des französischen Senats, ist allerdings zu lesen, dass sich dieser trotzdem dazu gratuliert, „den Gesetzesentwurf in dieser Hinsicht dank gründlicher Arbeit verbessert zu haben“ ...

Der Entwurf sieht Weiterbildungen für das Personal in öffentlichen Transportmitteln vor, die ihm erlauben, konkret gegen sexuelle Übergriffe vorzugehen. Über die Maßnahmen, die sie gegen diese Übergriffe getroffen haben, muss Bericht erstattet werden. Dies ist der erste öffentliche Antrag, der auf ein Problem eingeht, das von der Regierung die meiste Zeit über ignoriert wurde.

In Frankreich beschränkt sich das Problem der sexuellen Belästigung nicht nur auf den öffentlichen Nahverkehr – sie ist überall präsent: auf der Arbeit, auf der Straße, sogar zu Hause. Es ist daher höchste Zeit, dass sich die Regierung der Sache annimmt, selbst wenn dies mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden ist. Am 11. Februar dieses Jahres wurde in Frankreich ein „Ministerium für Familie, Kinder und Frauenrechte“ gegründet. Dies wurde in feministischen Kreisen noch belächelt …


Published February 2016




   WRITE YOUR PERSPECTIVE     TRANSLATE THIS ARTICLE 



other perspectives on this topic