Vielfalt – aber bitte nur für Gleiche!

Über die Integrationsdebatte in der Schweiz



 

Luzern, Switzerland  Wer sich integrieren kann, wird eingebürgert. Integrieren? In was? In einen Schweizer oder in viele? Sind denn alle gleich? Wer ist anders, und wer ist „zu anders“, um „integriert“ zu sein oder zu werden? Die heutige Debatte um die Integration führt zwangsläufig in eine Sackgasse: Integration ist, ganz praktisch, überhaupt nicht möglich, denn sie setzt eine homogene, eine gleiche Gesellschaft voraus. Gerade in der Schweiz, die seit ihrer Gründung von Vielsprachigkeit und kultureller Vielfalt lebt, kann die „Integration“ deshalb nur als gesellschaftliches Konzept betrachtet werden, um rund ein Viertel der in der Schweiz lebenden Bevölkerung von der politischen Mitsprache auszuschließen.

Integration und Vielfalt sind nicht kompatibel. flickr/cc/Evangelisches Schuldekanat Schorndorf/Waiblingen

Die gängigen Definitionen von Integration haben eines gemeinsam: Sie setzen ein größeres, übergeordnetes Ganzes, eine gesellschaftliche und kulturelle Einheit voraus. Kurz, eine Homogenität, in die man und frau sich zu integrieren haben. Europa hat die Ideologie des faschistischen Nationalismus, zwei Weltkriege und einen Holocaust durchlebt, und sollte deshalb die Gefahren und die Unmöglichkeit von Homogenität erkannt haben.

Die EU trägt heute den Slogan „In Vielfalt geeint“. Auch der Schweizer Bund und die Kantone haben offiziell den Schritt von einer homogenen Masse hin zur Vielfalt gemacht. Und doch kommen hier, in der Schweiz, im Namen der Integration täglich Einbürgerungskriterien zur Anwendung, die genau das, eine homogene Schweizer Masse, postulieren. Kriterien, wie beispielsweise die Zugehörigkeit zu einem Verein oder die Kenntnis von Sitten und Gebräuchen, die natürlich nicht jeder Schweizer oder jede Schweizerin erfüllen, die „der Andere“ aber erfüllen sollte, um dazu zu gehören.

Integration – das Konzept für Machterhalt

Hinter dem Konzept der Integration versteckt sich nicht nur die Vorstellung nationalistischer Homogenität, sondern auch gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Schließlich geht es bei Einbürgerungen immer auch darum, politische Macht zu teilen. Und wie schwer dies denjenigen fällt, die sich in einer Machtposition befinden, zeigt ein Blick auf das Frauenstimmrecht. Während Frauen vor 1971 „zu wenig von Politik verstanden“, um wählen und mitentscheiden zu dürfen, sind heute 25 Prozent der Bevölkerung „zu schlecht integriert“, um an politischen Entscheidungen teilzuhaben oder Teil der Bevölkerung zu werden. Trotz Demokratie geht es hier nicht um Vielfalt sondern um Anpassung. Gerade in der Schweiz, die seit ihrer Gründung von Migration, sprachlicher und kultureller Vielfalt geprägt ist, scheint die Vorstellung von „Integration“ in eine vermeintliche Homogenität absurder und ungerechtfertigter denn je.

Integration als Anpassung? Aber woran denn?

Heute instrumentalisieren Bürgerkommissionen und Gemeindeversammlungen, gesellschaftliche Diskussionsrunden aber auch Medien die „Integration“ zur Machterhaltung, denn der Begriff dient ausschließlich der Ausgrenzung von vielen Menschen, die seit Jahren in der Schweiz leben. Wenn wir Schweizerinnen und Schweizer aus dieser Sackgasse wieder herausfinden wollen, muss sich das Verständnis von und über Integration grundlegend ändern. Ein erster Schritt wäre, die Integration als Einbürgerungskriterium zu verwerfen und sie als gesamtgesellschaftlichen und fortwährenden Prozess in einer heterogenen, schweizer Gesellschaft zu verstehen. Denn eine moderne Demokratie verlangt Inklusion und Partizipation anstelle von Ausgrenzung und Dominanz. Die Unmöglichkeit, aber auch der Unwillen eines Großteils der Gesellschaft, Integration als Anpassung an eine homogene Gesellschaft, die es nicht gibt, zu verstehen, anstatt danach zu fragen, was nach der heutigen, instrumentalisierten Form von Integration kommen könnte, lässt einen gemeinsamen, modernen Umgang mit Migration wohl noch länger auf sich warten.

Publiziert Juni 2015