de | en | zh-hans | zh-hant

CrowdWorking: Ausbeutung im Netz

Die Geburt der künstlich künstlichen Intelligenz



 

Berlin, Germany  Sie übernehmen die Aufgaben, die Computer nicht lösen können: Millionen von ClickWorkerInnen bewerten von zu Hause aus Produkte, testen Betaversion, schalten Kommentare frei oder löschen pornografische Inhalte. Hinter dem schnellen Geld verstecken sich prekäre Niedriglohnjobs ohne soziale Sicherheiten.

Die "müßige" Hausfrau arbeitet heute für Stücklohn am Computer statt an der Nähmaschine. flickr/cc/Mike Licht

Im Jahr 2001 fand die NASA eine innovative Antwort auf ein altes Problem: Die US-amerikanische Weltraumbehörde wollte zahlreiches Fotomaterial vom Mars kartografieren. Eine maschinelle Lösung war nicht möglich, auch die Angestellten der Behörde hätten Monate mit der Aufgabe verbracht. Also entschied sich die NASA für eine neue Art des Outsourcing: Crowdsourcing.

In dem Projekt ClickWorkers wurden InternetnutzerInnen, die "Crowd", dazu aufgerufen, Krater und andere Auffälligkeiten auf den Fotos, die die Behörde im Internet zu Verfügung stellte, per Mausklick zu markieren und so zur Kartografierung der Marsoberfläche beizutragen. Was im Fall der NASA als ein Projekt, bei dem "Bürger der Wissenschaft helfen", bezeichnet wurde, ist heute ein riesiges Geschäftsmodell.

Die Crowd des NASA-Projekts arbeitete umsonst, aber auch bezahlte Arbeit auf Basis des Crowdsourcing-Modells wird immer häufiger: Inzwischen gibt es Millionen von digitalen LohnarbeiterInnen, vermittelt über Crowdsourcing-Plattformen, die ähnliche Aufgaben wie die Freiwilligen der NASA übernehmen: Aufgaben, die sich nicht computerisieren lassen, die aber von einer Masse an digitalen ArbeiterInnen effizient gelöst werden können.

Menschen wie Computer nutzen

Die wohl bekannteste Internetplattform ist Mechanical Turk, kurz mTurk, des Versandhändlers Amazon. Hier sind etwa eine halbe Millionen ArbeiterInnen angemeldet, hauptsächlich aus den USA und aus Indien.

mTurk wurde gegründet, als Amazon CDs ins Sortiment aufnahm. Damals suchte man InternetnutzerInnen, die gegen geringe Bezahlung überprüften, ob etwa Albentitel korrekt angegeben oder Cover jugendfrei sind. Heute können auch andere Firmen mittels mTurk Aufgaben von der Crowd lösen lassen: So hat zum Beispiel das deutsche Energieunternehmen EnBW hier die handschriftlichen Zählerauslesungen seiner KundInnen digitalisieren lassen, da Computer oft Probleme haben, Handschriften zu entziffern.

Weltweit gibt es inzwischen Tausende solcher Plattformen, in Deutschland sind es etwa vierzig. Nach Schätzungen der IG Metall arbeiten hier ungefähr eine Million Crowdworker. Die größte deutsche Plattform heißt clickworker. Sie wirbt mit 700.000 on-demand workers und Kunden wie Honda oder T-Mobile.

Internetzugang, einloggen, losarbeiten - ganz ohne Vertrag

Die ArbeiterInnen sollen überall da einspringen, wo Computer keine oder keine günstige Lösung finden können. Auf Plattformen wie mTurk dominieren sogenannte microtasks, Aufgaben, die im Prinzip alle übernehmen können, die einen Computer und Zugang zum Internet haben.

Der Ablauf ist simpel: Man loggt sich auf der Seite ein und akzeptiert einzelne Aufträge. Bezahlt wird pro erledigte Aufgabe, die Jugendfreigabe eines Bildes wird beispielsweise mit etwa 2 bis 5 Cent entlohnt. Die meisten Aufgaben werden dabei nicht von einer Person gelöst, sondern durch die algorithmisch vermittelte, unbewusste Kooperation Tausender digitaler ArbeiterInnen.

Die Crowd kann gemeinsam schnell und effektiv arbeiten und dabei gegenseitig Fehler ausgleichen. Dem zugrunde liegt eine Rollenverkehrung zwischen Mensch und Computer: Während in der Regel Computer Probleme für Menschen lösen, geht es hier um Probleme, für die Computer die Unterstützung lebendiger Arbeit benötigen.

Artificial Artificial Intelligence - künstlich künstliche Intelligenz

Der Name Mechanical Turk verweist auf dieses Phänomen des Rollentauschs. Er leitet sich vom "Schachtürken" ab, einem vorgeblichen Schachcomputer, der im 18. Jahrhundert für einiges Aufsehen sorgte. Die Maschine bestand aus einer Figur, die dem Klischee eines Türken entsprach, einigen Zahnrädern und anderen Konstruktionen. Dieser Schachcomputer spielte erstaunlich gut und soll auch Friedrich den Großen und Napoleon besiegt haben.

Das Geheimnis dieses frühen Computers ist allerdings simpel: Im Inneren der Maschine befand sich ein kleiner Mann, der gut Schachspielen konnte, wobei die mechanischen Konstruktionen für genug Ablenkung sorgten, um die Geschichte glaubwürdig zu machen.

Amazons Entscheidung für den Namen ist vielsagend, genauso wie der Untertitel der Plattform: "Artificial Artificial Intelligence", also künstlich künstliche Intelligenz. Das ganze Setup der Plattform tarnt und verkauft menschliche Arbeit als Computerarbeit. Entsprechend sind auch die Arbeitsbedingungen.

Der erste Schachcomputer war ein Fake - der reale Spieler saß in der Maschine. flickr/cc/Michael Mandiberg

AGB statt Arbeitsvertrag

Die digitale Arbeit auf Crowdsourcing Plattformen erfolgt nicht auf Grundlage von Arbeitsverträgen, sondern entsprechend der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Plattformen, die den digitalen ArbeiterInnen oftmals grundlegende Rechte verweigern. Hier sind Krankenversicherung oder gewerkschaftliche Vertretung Fremdwörter.

Außerdem können die Arbeitgeber, hier „requester“ genannt, oft alleine entscheiden, ob die Arbeit zufriedenstellend ausgeführt worden ist und ob sie bezahlen wollen. Auch im Falle einer Nichtbezahlung behält der requester alle Rechte an der geleisteten Arbeit, was Lohnbetrug geradezu herausfordert. Zusätzlich sind die ArbeiterInnen auf positive Bewertungen angewiesen, um neue Aufträge zu erhalten.

Einkommen zwischen einem und drei US-Doller pro Stunde

Beste Voraussetzung für prekäre Arbeitsbedingungen: Die Mehrzahl der Clickworker auf mTurk erzielt einen Stundenlohn zwischen einem und drei US-Dollar. Nur sehr erfahrene NutzerInnen, sogenannte Powerturker, erzielen ein Einkommen im Bereich des Mindestlohns. Es geht also um hochgradig prekäre Niedriglohnjobs ohne soziale Sicherheit. Wer lässt sich darauf ein?

Digitale Klassen-Neuzusammensetzung

Obwohl auch viele Männer als Crowdworker arbeiten, liegt gerade bei den Turkern der Frauenanteil deutlich über der durchschnittlichen weiblichen Erwerbsquote. Für die übergroße Mehrheit der Crowdworker ist Geld der entscheidende Anreiz. Kristy Milland, Community-Managerin und Aktivistin beim Forum turkernation.com, sagt: "Ich bin Turkerin, im mittleren Alter, Unternehmerin, Studentin, Mutter, Ehefrau und auf mein mTurk-Einkommen angewiesen, um meine Familie vor der Pleite zu bewahren.“ Viele der digitalen ArbeiterInnen sind inzwischen Vollzeit-Turker, das heißt, die Erledigung von microtasks ist zu ihrem Beruf und ihrer primären Einkommensquelle geworden.

Unter diesen digitalen ArbeiterInnen sind relativ viele, die aufgrund verschiedener körperlicher Einschränkungen und Diskriminierung Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben und dann bei mTurk landen. So erzählt etwa Carey: "Als Migrantin, schwanger und ohne Arbeitserfahrung wird man in den USA nicht gerade zu vielen Bewerbungsgesprächen eingeladen. Deswegen habe ich mich für Mechanical Turk entschieden. Mein Ehemann verdient das Wesentliche, aber mein Einkommen bringt wortwörtlich das Essen auf den Tisch."

Stücklohn und Heimarbeit: Zurück in die Zukunft?

Tendenziell informelle, prekäre Arbeit, schlecht bezahlt in Stücklohn und von zu Hause aus verrichtet. Das ist keine Neuerfindung digitaler Ökonomien. Im Gegenteil: Diese Form der Arbeit erinnert an Modelle, wie sie im frühen Kapitalismus verbreitet waren und heute vor allem im globalen Süden zu finden sind. Ein Beispiel sind Näh- und Textilarbeiten. Dabei werden besonders Frauen ausgebeutet: Sie arbeiten von zu Hause aus für Stücklohn bei gleichzeitiger Arbeit für die Familie wie zum Beispiel die Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen.

Außerdem bedient die Heimarbeit den Mythos der ›müßigen‹ Hausfrau, die Näharbeiten oder microtasks eigentlich nur zum Zeitvertreib erledigt und deswegen auch nicht gut bezahlt werden muss.

Viele Arbeiterinnen betonen, dass sie trotz der anstrengenden und schlecht bezahlten Arbeit froh sind, mithilfe von mTurk Geld verdienen zu können. So zum Beispiel die 29-jährige Christina aus Missouri, die sich um die fünf Kinder kümmern muss.

Durch mTurk "ist es mir endlich möglich, einen Teil der Ausgaben für Gesundheit und der steigenden Elektrizitätsrechnungen zu bezahlen. Ich arbeite acht bis zehn Stunden - immer wenn ich zwischen Hausarbeit und Kindern Zeit habe-, nur um an manchen Tagen zehn Dollar zu verdienen."

Crowdsourcing-Umsätze haben sich verdoppelt

Die Nachfrage nach künstlicher künstlicher Intelligenz hat eine zunehmend internationale Arbeitsteilung und ein entsprechendes globales Cybertariat hervorgebracht. Bei mTurk stammt dieses vor allem aus den USA und aus Indien, beim deutschen Anbieter clickworker zu gleichen Teilen aus Deutschland, anderen europäischen Staaten, den USA und der restlichen Welt.

Dabei setzt die digitale Ökonomie der Plattformen große Teile der Welt problemlos und standardisiert zueinander in Lohnkonkurrenz. Und die Plattformen florieren: Nach eigenen Angaben hat die Crowdsourcing-Industrie ihre Umsätze im letzten Jahr verdoppeln können.

Digitale Selbstorganisation und Widerstand

Crowdsourcing-Plattformen sind qua ihrer technischen Voraussetzungen geradezu darauf angelegt, die digitalen ArbeiterInnen zu vereinzeln, da sie räumlich getrennt und teilweise über Kontinente verstreut sind. All dies sind keine guten Bedingungen für Selbstorganisierung und Widerstand – dennoch wehrt sich die Crowd.

Die Ausbeutung über IT-Plattformen hat immer wieder zu Unzufriedenheit geführt, die sich unter anderem in einer Briefkampagne an Amazon-Chef Jeff Bezos äußerte. Mit dem Slogan "Wir sind keine Algorithmen, sondern Menschen" forderten digitale ArbeiterInnen mehr Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen.

Computer erledigen nicht alles, was im Netz unkreative und repetitive Arbeit ist, auch wenn es so scheint. flickr/cc/Alex

Immer wieder versuchen ArbeiterInnen – oft mit gewerkschaftlicher Unterstützung –, rechtliche Ansprüche und eine bessere Bezahlung durchzusetzen. Ein wichtiger Startpunkt für die Herstellung gemeinsamer Handlungsmacht sind dabei Internetforen, auf denen sich ArbeiterInnen austauschen und gemeinsam Protest organisieren können.

Turkopticon: Werkzeug im digitalen Klassenkampf

Ein anderer Ansatzpunkt für taktische Interventionen ist die Technik. Während die Plattformen darauf ausgelegt sind, die ArbeiterInnen kontinuierlich zu bewerten und so unter Leistungs- und Konkurrenzdruck zu setzen, gibt es kaum Möglichkeiten, die requester (Arbeitgeber) zu bewerten.

Als aktivistische Technologie haben die InformatikerInnen Lilly C. Irani und M. Six Silberman deswegen den Turkopticon entwickelt. Das ist eine Website und ein Browser-Plug-in, auf dem die digitalen ArbeiterInnen requester von mTurk bewerten können. Damit können sie sich vor besonders niedrig bezahlten Aufträgen oder Firmen mit schlechter Zahlungsmoral warnen.

Wenn ein Unternehmen aufgrund vieler schlechter Bewertungen gemieden wird, kann dies bei der Auftragserledigung zu empfindlichen zeitlichen Verzögerungen führen. So werden auf den Crowdsourcing-Plattformen zumindest Vorformen digitaler Streiks möglich, was aufgrund der schlechten Ausgangsbedingungen ein beachtenswerter Erfolg ist.

Es spricht viel dafür, dass diese Art der Arbeit noch an Bedeutung gewinnen wird. Aber es gibt auch Grenzen: Viele Arbeiten lassen sich nicht sinnvoll für die Crowd zerlegen oder verlangen komplexere Formen von Koordination und Kooperation. Gleichzeitig entwickeln sich Computer weiter und können immer mehr Aufgaben übernehmen, die vorher lebendige Arbeitskraft erforderlich machten.

Das passiert ironischerweise oft mit Hilfe der Crowd; um etwa Bild-Erkennungssoftware zu verbessern, benötigt man Tausende von kategorisierten Beispielbildern, eine Aufgabe wie geschaffen für mTurk. Dennoch: Diese Form der digitalen Ausbeutung wird nicht so schnell von der Bildfläche verschwinden, zu gut passt sie zur Logik und zu den Anforderungen des digitalisierten Kapitalismus im 21. Jahrhundert.


Published February 2016
first publication: Luxemburg - Gesellschaftsanalyse und linke Praxis




   WRITE YOUR PERSPECTIVE     TRANSLATE THIS ARTICLE 



other perspectives on this topic