ar | de | en

Von Ägypten nach Italien: Wenn Kinder flüchten



 

Cairo, Egypt  Nacht bricht herein und Angst verbreitet sich unter den ÄgypterInnen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf maroden Kuttern ihre Reise nach Italien antreten. Inmitten des sturmgepeitschten Meeres weinen Frauen und Kinder in Todesangst.

„Diese neun Tage fühlten sich an wie neun Jahre, das werde ich nie vergessen. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als endlich wieder Land zu sehen, aber um mich herum war nichts als Wasser,“ erzählt Adel Atef (17) über seine gefährliche Überfahrt nach Italien. „Vor unseren Augen drehte sich alles, so dass wir uns unaufhörlich übergeben mussten“, erinnert er sich weiter „schließlich fühlten wir nichts mehr, als hätte das Leben keinen Anfang und kein Ende.“

Elf Monate ist es jetzt her, seit Atef seine Heimat, das Dorf Aghour Asugra in Al Qaliobiya, verlassen hat. Vier Monate verbrachte er abwechselnd auf den Straßen Calabrias in Süditalien und dem Zuhause eines Verwandten in Turin. Zur Zeit lebt er im Don Bosco Sozialzentrum, oder „Flüchtlingsheim“ genannt, in Turin.

In Zawyet Selim, im Abnob-Asyut-Gebiet, lehnt sich der Bauer Faisal (59) an die Wand seines Hauses und pafft eine Zigarette. Er erinnert sich an den Anruf vor zwei Jahren, an die Stimme seines 16-jährigen Sohnes, der ihm sagte, dass er noch „heute Nacht“ nach Italien aufbrechen würde. In den folgenden neun Nächten raubten ihm die Meldungen über die riskante Überfahrt seines Sohnes den Schlaf: Einigte sagten, “das Boot sei auf hoher See verschollen”, andere meinten “es wäre gesunken.” Doch schließlich, am neunten Tag, erreichte sein Sohn Italien, voller Hoffnung dort Arbeit zu finden und seiner Familie Geld nach Hause schicken zu können. Trotzdem hat sich für Faisal, seitdem sein Sohn Ägypten verlassen hat, eigentlich nichts geändert. Er lebt immer noch in demselben Steinhäuschen, immer noch unter den Drohungen des Händlers, dem er noch 15 000 von insgesamt 45 000 Ägyptischen Pfund (etwa 6 500 US-Dollar) für die Überfahrt seines Sohnes schuldet: „Wenn ich nicht zahle, wird mein Sohn dafür büßen. Vielleicht wird er verschleppt und geschlagen.“

Eine Reise ins Nichts

Wenn Adel und Mohammed nicht gerade auf den Straßen Italiens leben, suchen sie in einem der Flüchtlingsheime Unterschlupf. Sie teilen ihr Schicksal mit rund 5 000 minderjährigen Ägyptern, die in den letzten Jahren mithilfe von Schleppern nach Italien gekommen sind, fortgeschickt von ihren Eltern, die sich einen Paragrafen des italienischen Kinderschutzgesetzes zu Nutze machen, welcher die Abschiebung von unter 18-jährigen verbietet. Trotz zweier, von der Regierung in Kairo unterzeichneter, internationaler Sicherheitsprotokolle gegen illegale Einwanderung und Menschenhandel, hat der Schmuggel von ägyptischen Kindern und Jugendlichen zugenommen, denn es gibt im ägyptischen Recht kein Gesetz, das diese Form des Menschenhandels unter Strafe stellt.

Die große Entfernung zwischen Ägypten und Italien macht es den Familien fast unmöglich, ihre Kinder zu beschützen; die Familien leiden sowohl unter dem Verlust ihrer Kinder und der Ungewissheit über ihren Aufenthaltsort, als auch unter der schmerzlichen Einsicht, dass sich ihr Traum vom Wohlstand in Luft aufgelöst hat. Zu dieser Erkenntnis gelangte der Autor dieses Artikels, der in seiner Rolle als investigativer Journalist über Jahre hinweg die Spuren der Schlepper und die Lebensgeschichten dieser jungen Ägypter verfolgte, die vor der wirtschaftlichen Not in ihrer Heimat in eine ungewisse Zukunft in einem fremden Land flüchteten. Im Zuge seiner Arbeit reiste er nach Italien, um ägyptische, geflüchtete Kinder in fünf Heimen in Rom, Milan, Turin und Lodi zu treffen.

Die Kinder, die das Glück haben, die alptraumhafte Überfahrt zu überleben, werden in von der italienischen Regierung finanzierte Heime gesteckt, bis sie 18 Jahre alt sind. Viele laufen aber davon, bevor sie volljährig werden, in der Hoffnung, Arbeit zu finden und ihren Familien Geld zu schicken, damit sie zu Hause die „Reiseschulden“ begleichen können. Die Kinder, die bis zu ihrem 18. Lebensjahr in den Heimen bleiben, bekommen dann eine Aufenthaltsgenehmigung von den italienischen Behörden.

Das italienische Ministerium für Arbeit und Sozialpolitik bestätigt, dass einer von fünf Minderjährigen in den über das Land verteilten Asylunterkünften ägyptischer Herkunft ist. Bis Januar 2014 waren 1312 der insgesamt 6319 ausländischen Jugendlichen Ägypter, der jüngste von ihnen ein sechsjähriger Junge, den man allein auf einem der Schlepperboote fand. Unter den geflüchteten Jugendlichen aus Ägypten war bisher auch ein Mädchen.

Vom Heim auf die Straße

Vor zweieinhalb Jahren landete Mustapha (15) zusammen mit 55 anderen ägyptischen Kindern im Casalena-Heim in einem Randbezirk Roms: „Mein jüngerer Cousin war nach Italien gegangen und ermutigte mich, dasselbe zu tun. Ich wollte es ihm gleichtun und versuchte zweimal durch Libyen zu reisen – aber jedes Mal ohne Erfolg.” Zuvor hatte Mustapha versucht nach Griechenland zu gelangen, ein Land, das Minderjährige abschiebt. Einmal, so erzählt er, „war ich auf einem 12 Meter langen Boot, das 90 Menschen an Bord hatte. Wir mussten umkehren, weil das Boot auseinanderbrach. Und ein anderes Mal mussten wir umkehren, weil wir von einem anderen Boot beschossen wurden.“ Er erinnert sich auch an seine Ankunft in Italien: „Nachdem wir angekommen waren, inspizierten sie unsere Genitalien, um unsere Alter zu bestimmen.“

Freie Bahn für Schlepper

Die Kindermigration hat zugenommen, nachdem Italien und Ägypten am 9. Januar 2007 ein sogenanntes „Repatriierungsabkommen“ unterzeichneten, wonach alle illegalen Einwanderer, die älter als 18 Jahre alt sind, nach Ägypten zurückgeschickt werden. Zur selben Zeit wurden Menschenhändler und Schlepper auf die oben genannten Schlupflöcher im italienischen Einwanderungsgesetz aufmerksam und begannen sich auf das Schleusen von Kindern nach Italien zu konzentrieren.

Viele dieser Kinder geraten auf ihrem Weg an kriminelle Banden und rutschen in das organisierte Verbrechen ab. Zwischen Januar 2008 und Februar 2014 wurden nach Aufzeichnungen der italienischen Behörden 781 ägyptische Jugendliche für verschiedene Vergehen, von Einbruch bis Beschaffungskriminalität, angezeigt oder verurteilt. Laut dem italienischen Justizministerium stieg diese Zahl um 190 in den ersten anderthalb Monaten des Jahres 2014 – das bedeutet, dass in dieser Zeit jeder sechste Jugendliche straffällig wurde. Seit 2007 sind insgesamt 4814 Ägypter illegal nach Italien gekommen.

Ein trauriges Schicksal

Der Vorsitzende der ägyptischen Gemeinde in Turin, Amir Ibrahim Younis, sagt, dass sich die Zahl der minderjährigen Migranten aus Ägypten in den letzten sieben Jahren erhöht hat: „Dieses Phänomen tut uns weh, wir sehen die Kinder, können aber nichts für sie tun. 13- und 14-jährige streunen durch die Straßen.“ Er sagt auch, dass dies „ein tiefgreifendes Problem ist, dass mit der Familie in Ägypten anfängt, die vom Einkommen der Kinder abhängig ist. Das macht diese Kinder kühner und ermutigt sie zu reisen.“

Das Schlupfloch

Das italienische Immigrationsgesetz Nummer 286/1998 sieht vor, dass „ein Kind zu sein die einzige Voraussetzung für einen Migranten ist, um unter den Schutz zu fallen, der Minderjährigen laut italienischem Gesetz zusteht; außerdem haben sie zu allererst das Recht nicht ausgewiesen zu werden.“ Im Gegenzug hat Ägypten bisher kein nationales Gesetz verabschiedet, das die illegale Einwanderung unter Strafe stellt, obwohl die Regierung 2002 zwei internationale Protokolle unterzeichnete. Der Anwalt Adel Maki von der arabischen Arbeitsgruppe für Strafreform sagt, dass das Fehlen eines solchen Gesetzes die Händler und Schleuser erst noch ermutigt, „denn sie wissen ja, dass sie nichts zu befürchten haben.“

Maki fordert ein Gesetz, das „die Familien bestraft, denn das Problem mit dem Menschenhandel liegt in der Verantwortung des Vaters, der die Aufgabe in der Familie hat, für Gehorsam zu sorgen. Stattdessen riskiert er das Lebens seines Sohnes.“ Der stellvertretende Innenminister und Direktor der Generaldirektion für Finanzermittlung, Admiral Najah Fawzi, bestätigt, dass das Ministerium im Vorfeld der Revolution im Januar 2011, welche das Regime Honsi Mubaraks stürzte, ein „Notfallgesetz gegen Schlepper“ verabschieden musste.

Schmuggler können nicht angezeigt werden

Man nahm die Schlepper unter dem Vorwand fest, dass sie die öffentliche Sicherheit gefährden. 2010 wurden laut Fawzi 27 Boote mit 521 Jugendlichen aufgegriffen und 434 Schlepper und Händler wurden wegen Betrugs verurteilt. Admiral Fawzi erklärt: „Wir haben Gesetze, die jede Form von Menschenhandel unter Strafe stellen, das gilt jedoch nicht für das Schleusen auf dem Land-, Wasser- oder Luftweg; es gibt kein Gesetz, das diese Aktivitäten klar kriminalisiert.“ „Das ist das große Problem, mit dem sich Ermittlern konfrontiert sehen, wenn sie diese Schlepper befragen,“ erklärt Fawzi weiter.

Die Bezirksstaatsanwaltschaft “hat keinerlei Gesetzesgrundlage um die Schlepper eines Verbrechens anzuklagen oder gar zu verurteilen, es gibt einfach kein solches Gesetz. Stattdessen stützt sie sich auf die Betrugsgesetzgebung, was für die Schlepper, in Übereinstimmung mit Artikel 336 des Strafgesetzbuches, eine Haftstrafe von gerade einmal zwei Jahren bedeutet. Oder sie werden wegen ihrer Arbeit in der Reisebranche ohne gültige Genehmigung angeklagt, wofür lediglich eine Geldstrafe fällig wird. Wenn die Migranten sterben, kommen die Schlepper wegen Totschlags vor Gericht.“

Admiral Fawzi klagt, dass viele Fälle einfach geschlossen werden, „weil die Familien auf ihre Rechte verzichten, insbesondere wenn sie den Schleppern große Summen Geld schulden.“ Dr. Laura Marzen, eine Mitarbeiterin des italienischen Ministeriums für Arbeit und Sozialpolitik, ist überrascht über die Zahl der ägyptischen Kinder, die nach Italien kommen und dass ihre Familien sie so jung in eine solche Lage bringen: „Es ist erschreckend, dass diese Familien dafür zahlen, dass ihre Kinder sterben, in den meisten Fällen gehört das Geld nicht einmal ihnen; sie verlieren ein Vermögen und das Leben ihres Angehörigen.“

Marzen bestreitet, dass die italienischen Kinderrechte die Einwanderung Minderjähriger fördert. Stattdessen macht sie „kriminellen Netzwerke [dafür verantwortlich], dass die Kinder in diese Gefahren geraten.“ Sie erklärt weiter: „Das italienische Kinderrecht ist dafür da, sich um Kinder zu kümmern, bis sie auf italienischem Boden die Volljährigkeit erreichen – ganz egal, wer diese Kinder sind. Das Gesetz ignoriert, ob das Kind ein Migrant ist, und es ermutigt das Kind auch nicht zu migrieren. Es sind die Familien, die Händler und Schlepper, die die Kinder überreden, hierher zu kommen. Dieses Phänomen lastet schwer auf der italienischen Wirtschaft, denn es kostet viel Geld – Geld vom Staat – diese Kinder zu versorgen und auszubilden.“

Die italienische Regierung hat für dieses Jahr 40 Millionen US-Dollar für die Versorgung Minderjähriger bereitgestellt. Je nach Land kostet ein Minderjährige zwischen 80 und 140 Euro pro Tag. Wenn sie volljährig sind, werden die Jugendlichen mit den nötigen Rechtsdokumenten ausgestattet, um entweder zu arbeiten oder zu studieren – je nachdem wofür sie sich entscheiden. Den italienischen Behörden zufolge wird „das Alter eines Kindes nach seiner Ankunft durch Begutachtung festgestellt. Er wird in ein Heim gebracht, das ihn wiederum in einem Flüchtlingsheim unterbringt, wo der Jugendliche die Sprache lernt und eine Ausbildung erhält, bis er 18 Jahre als ist. Danach hat er die Wahl, eine Arbeit oder ein Studium aufzunehmen.“ Marzen warnt, dass die Familien das Leben ihrer Kinder riskieren, in dem sie sie ins Unbekannte schicken: „Sie sollten sich der Konsequenzen bewusst werden, wenn sie ihre Kinder dazu bringen, so etwas zu tun. Wenn das Kind die Überfahrt auf See überlebt, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit ein psychologisches Trauma davontragen und könnte straffällig werden. Die Kinder sind zu jung, als dass sie die Verantwortung für sich und ihre Familien übernehmen könntet.“ Marzen sagt, dass dies oftmals dazu führt, dass die Kinder auf die schiefe Bahn geraten und kriminell werden, zum Beispiel Einbrüche begehen oder mit Drogen handeln.

Adel Atefs Geschichte

Nachdem er am Ramadan im Juli 2013 von Bord gegangen war, nahm die italienische Polizei Adels Personalien auf und speicherten diese in einer Kartei. Weil er erst 16 war, brachte die Polizei ihn in ein Wohnheim; die volljährigen Einwanderer wurden nach Ägypten ausgewiesen. Im Don-Bosco-Jugendzentrum erzählt Adel seine Geschichte voll Kummer und Schmerz. Er hatte sich seinen rechten Arm in einem Kampf mit einem anderen Heimbewohner gebrochen. „Der Schlepper ist der reichste Mann in der Stadt,“ erzählt Adel, „ich darf seinen Namen nicht verraten, denn sonst würde er meine Familie töten. Er sagte zu meinem Vater: ‚Wenn dein Sohn stirbt, werde ich behaupten, dich nicht zu kennen.‘ Aber gleichzeitig drängte er ihn dazu, mich fortzuschicken. Mein Vater stimmte zu, unterzeichnete einen Scheck und nahm eine Hypothek auf sein Haus auf.“ Der Junge macht eine Pause, blickt die Wände des Heims an und fügt dann hinzu: „Wir schulden ihm immer noch die Hälfte des Geldes, insgesamt waren es 45 000 Pfund. Ich wusste nicht, dass ich im Heim in die Schule gehen würde. Man sagt mir, ich könnte sofort arbeiten.“

Es war an einem heißen Sommerabend im Ramadan, als die Familie sich für das Abendessen vorbereitete, als Adels Vater ihm sagte, dass er bald auf die Reise gehen würde. Der Jugendliche verließ sein Dorf an einem Mittwoch, der Beginn einer Reise voller Widrigkeiten und Gefahren. Er erzählt, dass er mit dem „Händler“ im Auto in das Rasheedgebiet fuhr und dann nach Alexandria. „Wir kehrten mit einer großen Gruppe von Passagieren wieder nach Rasheed zurück.“

Die Gruppe traf auf einer Farm in Rasheed, in der Nähe des Meeres, ein und fand viele Kinder vor. „Um zwei Uhr morgens sammelten wir uns und wurden aufgefordert alle Dokumente und alles Geld, das wir bei uns hatten, auszuhändigen.“ Kurz vor Sonnenaufgang wurden sie aufgefordert, durch Dornenbüsche zum Strand und dann ins Meer zu laufen, um das Boot zu kriegen. Sie hatten Angst, dass „die Gang“ das Boot vor ihnen kriegen würde. „Als wir in die kleinen Boote stiegen, feuerten sie über unsere Köpfe hinweg. Aber sobald wir in See stachen, fielen wir aus den kleinen Booten ins Meer. Dann wurden wir auf ein größeren Boot verfrachtet und dann wieder in ein anderes, als wären wir Pakete, die man ausliefert.“

Der verlorene Traum

Adels schmerzvolle Reise endete jedoch nicht mit seiner Ankunft in Calabria. „Als ich hier ankam, dachte ich, dass mein Leid endlich ein Ende haben würde; ich hatte keine Ahnung, das es mich in Italien noch härter treffen würde.“ Adel weigerte sich, im Heim zu bleiben, und rannte davon, um eine Arbeit zu finden, die es ihm ermöglichen würde, seiner Familie Geld zu schicken. „Ich ging nach Turin, um Arbeit zu suchen, aber ich fand nichts.“ Adel ging mit seinen Verwandten zum Mercato Generale – italienisch für Großmarkt. Dort warteten sie den ganzen Tag auf KundInnen, deren Sachen Adel für fünf Euro tragen konnte. Als Adel seinen Verwandten fragte, ob er bei ihm wohnen dürfte, verlangte dieser, dass der Jugendliche 100 Euro ihm Monat zahlt.

Heimweh

Adel bereut, dass er fort gegangen ist: “Ich wünschte, ich könnte wieder zurück. Wenn die ägyptische Regierung mir das Geld zurückgeben könnte, was ich bezahlt habe, um hierher zu kommen, würde ich sofort wieder zurückgehen. Hier habe ich Drogen genommen und wurde eingesperrt. Ich habe das Gefühl zu ersticken und wenn ich weglaufe, bleibt mir nur noch die Kriminalität, ich muss stehlen oder Drogen verkaufen.“

Die Minderjährigen dürfen einmal im Monat ihre Familien anrufen. „Jedes Mal, wenn ich meinen Vater anrufe, bittet er mich, ihm Geld zu schicken. Er hat nicht einmal genug, um die Familie zu ernähren. Ich fühle mich so hilflos. Ich habe ihm gesagt, dass er dafür sorgen soll, dass mein Bruder nicht einmal auf die Idee kommt, nach Italien zu kommen. Ich bin ganz allein, weit weg von meiner Familie, meinen Eltern, meinem kränklichen Großvater und meinem Viertel,“ seufzt er.

Mohammad Faisals Apltraum

Wie viele andere ägyptische Kindermigranten ist Mohammad Faisal gefangen zwischen dem Heim und der Arbeit als Dienstbote für ein paar Euro. Anstatt sich auf das Geld seines Sohnes zu stützen, schickt Mohammads Vater Faisal seinem Sohn selbst 500 Euro, wann immer jemand aus dem Dorf nach Italien reist. Er möchte nicht, dass sein Sohn nach Hause zurückkehrt: „Wieso um alles in der Welt sollte er zurückkommen, hier gibt es keine Arbeit. Und woher sollte ich das Geld bekommen, dass ich für sein Überfahrt gezahlt habe?“ fragt er.

Schlepper-Geschichten

Die Methoden der Händler und Schlepper ähneln sich. Meist kommen sie selbst aus den Dörfern, in denen die Migranten leben. Der Menschenhändler Jamal ist ein Beispiel: Er ist aus dem Dorf Tatoun in Fayoum. Zehn Jahre zuvor hatte er sein Glück in Italien versucht; nach seiner Rückkehr begann er, wie schon viele vor ihm, anderen dabei zu helfen, das Land auf illegalem Wege zu verlassen. Gekleidet in seinen weißen Dschallabija mit einem dunklen Gebetsmals auf der Stirn erklärte er sich, nach mehreren Kontakt-Versuchen, schließlich damit einverstanden, mit dem Journalist zu sprechen.

Jamal erklärt den Ablauf: „Die Jugendlichen werden normalerweise von ihren Familien begleiten, wenn sie zu mir kommen. Es sind die Familien, die wollen, dass die Kinder diese Reise antreten. Wir handeln eine Summe aus, von der sie die Hälfte sofort bezahlen müssen und den Rest, wenn ihre Söhne in Italien angekommen sind und sie von ihnen gehört haben. Für gewöhnlich verlange ich einen Sicherheitspfand. Der Normalpreis liegt zwischen 20 000 und 30 000 ägyptischen Pfund (3 300 bis 4 000 US-Dollar).“ Jamals Aufgabe ist es, die Kinder „durch die zweite Stufe des Schmuggel-Prozesses zu bringen“. Jamal erzählt: „Ich stehe mit ihnen in Kontakt und wenn es soweit ist, bringe ich sie zu einem anderen Händler, der sich in Kaf Sheikh aufhält, in Alexandria, oder an der lybischen Grenze.“ Wie viele seiner Kollegen im Dorf sieht Jamal sich selbst als jemand, der den Minderjährigen hilft „ins Ausland zu gehen und ein besseres Leben für sich und ihre Familien zu finden.“

Er gibt zu, dass er das öfter tut, wenn es die „Umstände erlauben“ sogar ein oder zweimal im Monat, manchmal sogar dreimal. Auf ihrer Reise werden die Migranten zwischen vielen Händlern herumgereicht, der „Hintermann“ indes bleibt inkognito. Er steuert die Operation über das Telefon, seine wahre Identität kennen nur ein oder zwei andere. Der Journalist versuchte den Hintermann zu kontaktieren, doch ohne Erfolg.

Die bekanntesten Orte

Am Burj-Mgeizel-Strand, einem der Haupt-Abfahrtspunkte für die Überfahrten, traf der Autor einen Fischer, der mit dem Schmuggeln sehr viel mehr Geld verdient, als es einem Fischer normalerweise möglich wäre. Doch was auch immer er verdient, ist nichts im Vergleich zu dem, was die Hauptakteure herausschlagen, die die Boote der Fischer benutzen, um die Migranten zu transportieren. „Wir verdienen nichts im Vergleich zu den Händlern, die mit diesem Geschäft Millionen machen; und wenn die Boote entdeckt werden, sind wir verantwortlich“. Der Fischer verdient zwischen 7 000 und 10 000 ägyptische Pfund (1 000 bis 1 400 US-Dollar).

Auf die Frage wie oft er diese Überfahrt schon unternommen hat, antwortet der Fischer mit einem Lächeln: „Bisher habe ich das dreimal gemacht und ich weiß, wenn ich geschnappt werde, werde ich in Italien ins Gefängnis gesperrt.“ Einige Schritte entfernt steht ein anderen Fischer mit einem buschigen Bart: „Wir sind nicht die einzigen, die schmuggeln. Überall an der Küste steigen Menschen in Boote, um nach Europa zu kommen. Würden wir das nicht machen, würden wir verhungern. Wir fangen einfach zu wenig Fisch.“

Versuche und Misserfolge

Ayman Haleil ist nach Taoun in Fayoum zurückgekehrt – ein Dorf, aus dem schon viele nach Europa gekommen sind. Er war 15, als er sein Dorf verließ, ohne irgendwelche Dokumente. Er verbrachte sieben Jahre in Italien, aber er fühlte sich nie wohl oder glücklich; er war vollkommen aufgeschmissen, sagt er. Ein Jahr verbrachte er mit anderen ägyptischen Kindermigranten aus verschiedenen Regierungsbezirken in einem Wohnheim, dann lief er davon, um Arbeit zu finden. Doch es ging nicht gut, er war oft hungrig, also ging er nach Palermo, „an einen Ort an dem viele arbeitslose Migranten wie er eine Zuflucht suchen.“

Aymans Reise war ganz ähnlich wie die derer, die vor ihm ausgewandert waren. Seine größte Angst war, von den Schleppern misshandelt zu werden. „Ich verbrachte 40 Tage in Libyen und kam dann zurück, weil die Straßen zu unsicher waren. Dann blieb ich noch einmal zehn Tage in einem „Zwischenlager“ in Zawara. Dieses Gebiet, diese furchterregende Wüste, war wirklich unheimlich, vor allem für die jüngeren Kinder; viele weinten nachts, ein paar hatten sogar Panikattacken. Die Älteren blickten sehnsüchtig zum Meer hinaus. Wir haben auch geweint, aber eher vor Hunger. Die Schlepper waren sehr sparsam mit dem Essen, wir bekamen nur etwas Brot und Käse; wir wurden immer dünner und unsere Gesichter wurden ganz blass.“

Sobald ein Boot bereit war, kam eine weitere Lieferung „menschlicher Fracht“ aus dem umliegenden Gebiet an: „Wir quetschten uns in das Boot; es war vollkommen egal, wo und wie wir saßen, Hauptsache wir kamen rein. Wir reisten unter unmenschlichsten Bedingungen, man behandelte uns nicht anders als die Tiere und Güter an Bord,“ fügt Ayman hinzu. „Ich war nicht der Jüngste, wir waren alle unterschiedlich alt; die Jüngeren wurden von den Erwachsenen niedergetrampelt; es waren sogar 13-jährige unter uns. Man befahl uns, absolut still zu sein, und wir wurden geschlagen, wenn wir es nicht waren. Als wir in Italien ankamen war es noch hell, also mussten wir auf dem Meer ausharren, bis es dunkel war und die italienische Küstenwache weniger aufmerksam. Danach gingen wir am Strand von Sizilien an Land.“

Ein verlorener Traum

„Ich wusste, dass die Reise riskant sein würde und mir war klar, dass ich, wenn ich dort ankomme, von der italienischen Regierung eine kostenlose Schulbildung, Essen und Unterkunft und anschließend die Aufenthaltsgenehmigung bekommen würde,“ sagt Mohammad (22). Er selbst hatte nur wenig Hoffnung, dass er Italien über den Seeweg erreichen würde, aber seine Eltern drängten ihn zu gehen und so hatte er keine Wahl. In seinem Dorf Meet Saheel in Minya Al Qamh, im Al Sharqiy Regierungsbezirk, gibt es keine Familie, die nicht einen Sohn oder Vater hat, der nach Italien gegangen ist, sagt er: „Neid und der Wunsch, es anderen gleichzutun, treibt viele Familien dazu, solange Druck auf ihre Söhne auszuüben, bis diese die Reise antreten.“

Die Familien, so Mohammad, sind bereit, so gut wie alles dafür zu tun, dass ihre Söhne auswandern. Sie „nehmen eine Hypothek auf ihre Häuser auf, unterschreiben gefälschte Schecks oder verkaufen ihr Land. Ganz egal was, Hauptsache sie können das Geld auftreiben, um es ihrem Nachbarn gleichzutun und ihre Söhne fortzuschicken. Es ist dabei vollkommen egal, ob die Kinder die Reise überleben, solange sie nur in die Boote steigen, so wie alle anderen.“

„Ich weiß nicht, ob es mein Glück war, dass ich es nie geschafft habe,“ fährt Mohammad fort, „aber während meines Zwischenstopps in Libyen versuchte ich zweimal, das Boot zu erreichen. Das erste Mal nahmen sie eine Gruppe mit und sagten der anderen, sie müsse warten, weil die Polizei den Strand absuchte, nachdem ein Boot gekentert war. Beim zweiten Versuch wachte ich auf und war allein, mein Cousin hatte mich zurückgelassen. Ich war traurig, dass ich es nicht auf das Boot geschafft hatte. Nach drei Tagen fand ich durch einen Wachmann heraus, dass nur einige es nach Sizilien geschafft hatten, während die anderen auf der Reise gestorben waren.“

Sama Jaber, eine Koordinatorin in einem Aufklärungsprojekt für geflüchtete Jugendliche in Alexandria erinnert sich, wie schockiert sie war, als sie DorfbewohnerInnen darüber prahlen hörte, dass diese ihre Kindern in die Hände von Schleppern gegeben hatten. Bei Treffen mit der Interessengruppe sagten die DorfbewohnerInnen, dass sie eifersüchtig auf jene NachbarInnen waren, die es zu etwas gebracht hatten, nachdem ihre Söhne nach Italien gegangen waren; oder aber sie wollten einfach reich werden – damit versuchten sie, ihr Verhalten zu rechtfertigen.

Ein verlustreicher Weg: Sex- und Drogenhandel

Mustapha (17) aus Kafr Kala Baab im Regierungsbezirk Al Gharbiy kam vor drei Jahren in einem Heim in Rom an. Dem Assistenten des italienischen Justizministeriums, Calrena Kinetchi, zufolge ist Mustapha einer von 348 ägyptischen Kindermigranten, die in Italien zwischen 2008 und 2012 Verbrechen oder kleinere Vergehen begangen haben. 2013, so Kinetchi, wurden insgesamt 234 Fälle gegen ägyptische Minderjährige aufgenommen, von denen 19 „schwerwiegend waren, so dass die Jugendlichen ins Gefängnis kamen.“ Zwischen Januar und Februar 2014 hielt sich die Zahl bei 190.

Minderjährige Verbrecher

Die Minderjährigen, die aus den Wohnheimen fortlaufen, stellen „ein großes Problem dar” beklagt Kinetchi. Die italienischen Behörden “versuchen zwar, sie zu finden, doch wenn das nicht gelingt, können diese Jugendlichen sehr gefährlich werden.“ Den Aufzeichnungen der italienischen Behörden nach, werden die von ägyptischen Jugendlichen verübten Verbrechen in folgende Kategorien eingeteilt: Diebstahl, das Tragen von Waffen, Belästigung und Drogenhandel, sowie tätliche Übergriffe und die Beschädigung öffentlichen Eigentums. „Die Verbrechen, die diese Kinder begehen, werden immer schlimmer und häufiger. Sie zu kontrollieren wird immer schwieriger und die Zunahme der Verbrechen bedeutet weniger Sozilhilfe,“ fügt Kinetchi hinzu.

Herausforderungen und Misserfolge

Monji Ayari (40), der in einem der Unterkünfte in Turin arbeitet, spricht mit trauriger Miene von den ägyptischen Jugendlichen im Heim: „Wenn sie gefragt werden, wovon sie träumen, reden sie meist davon, dass sie helfen möchten, eine Schwester zu verheiraten, dass sie genug Geld haben möchten, um ihren Müttern die Hadsch - Pilgerfahrt zu ermöglichen, um ein Haus zu bauen oder ein Projekt in Ägypten zu starten.“ Ayari sagt, dass die Hoffnungen dieser Kinder zerstört werden, sobald sie in Italien ankommen: „So wie ich es sehe, sind es bei Kindern unter 15 Jahren meist die Familien, die die Entscheidung für ihre Reise getroffen haben; bei den Kindern über 16 Jahren wird die Entscheidung sowohl vom Vater, als auch vom Sohn selbst getroffen.“ Alle, die nach Italien kommen, bereuen diesen Schritt, aber sie können nicht zurück. Ein paar Wochen nach der Ankunft sagen die meisten Jugendlichen ihren Eltern, dass sie zurück kommen möchten; doch es kommen nur Ausflüchte: „Du hast die Schule doch verlassen, jetzt bist du dort nicht mehr angemeldet; wir haben soviel Geld bezahlt, eine Hypothek auf das Haus aufgenommen oder Land verkauft.“

Die Hauptaufgabe der Unterkünfte besteht darin, „die Jugendlichen auf die Welt da draußen vorzubereiten. Doch aufgrund der schwierigen Umstände und nachdem sie mehr als einmal nur knapp dem Tod entronnen sind, scheitern viele, sie halten dem Druck einfach nicht stand.“ Doch trotz allem versuchen diese Jugendlichen allein mit ihren Problemen fertig zu werden. Wie Ayari erzählt: „Ich habe noch kein ägyptisches Kind kennengelernt, das seine Familie für sein Schicksal verantwortlich gemacht hat. Sie tragen die Last allein und das verstärkt ihr Gefühl von Verlust, Angst und Versagen nur noch mehr.“

Auf der Suche nach Arbeit

Die Kinder, die nicht in Unterkünfte gekommen oder weggelaufen sind, sammeln sich nachts, um den Zug zum Mercato Generale am Stadtrand von Turin zu nehmen. Dort wird, wie auf den großen Grenzmärkten in Ägypten, alles mögliche zum Verkauf angeboten. Die Kinder reisen im Schutz der Dunkelheit, damit sie nicht entdeckt werden, und verschaffen sich Zutritt, in dem sie über hohe Zäune klettern. Wenn einer der Wachen sie entdeckt, werden sie vom Marktgelände gejagt. Gareeb (17) verließ die High-School in der elften Klasse. Er kam vor sechs Monaten aus Aghour Asugra in Al Qaliobiya. „Die Dinge haben sich geändert,“ sagt er, „ich schlafe tagsüber, nachts gehe ich auf den Markt in der Hoffnung, dass mir einer der Händler Arbeit gibt. Es spielt keine Rolle, wieviel er bezahlt, solange ich etwas tun kann.“ Gareeb erklärt, dass er nach 50 Tagen aus einer Asylunterkunft in Sizilien weglief: „Ich bin hierhergekommen, weil es sich dort anfühlte, als säße man in einer Gefängniszelle. In dem Raum, in dem ich war, konnte ich nicht einmal die Sonne oder die Straßen sehen. Das waren schwierige Zeiten.“ Doch auch jetzt ist es nicht viel besser: Gareeb lebt in ständiger Angst, von der Polizei aufgegriffen und nach Hause geschickt zu werden.

In einem schwierigen Alter

Marco Jocometti, der für die Rehabilitation der Jugendlichen in der Caritas in Milano verantwortlich ist, glaubt, dass diese mit einem ganz anderen Problem konfrontiert werden, wenn sie 18 werden: sie müssen das Heim verlassen und einen Job finden. „Das ist eine sehr wichtige Veränderung im Leben dieser Jugendlichen und kann gleichzeitig sehr gefährlich sein,“ sagt Jacometti, „sie wissen nicht, was sie tun sollen, es kann sein, dass sie keine Arbeit oder einen Schlafplatz finden. An diesem Punkt kann es passieren, dass die Jugendlichen in die Kriminalität abrutschen.“ Er fragt, was die ägyptischen Beamten tun, um „ihre Kinder in Italien zu beschützen.“

Ahmad Abdulbari aus Meet Gamr kam mit 15 nach Italien. An dem Tag, als der Autor sein Heim besuchte, wurde er 18: „Ich habe keinen Schlafplatz und es gibt niemanden, den es kümmert, was mit uns passiert. Ich kenne viele, die den falschen Weg eingeschlagen haben, die anfingen, Drogen zu nehmen und zu verkaufen. Andere kamen ins Gefängnis oder sind in ein anderes Land gegangen. Ich bin seit drei Jahren hier und konnte bis jetzt keinen einzigen Penny nach Hause schicken. Von der Überfahrt sind meine Nieren krank geworden und ich musste ins Krankenhaus. Als man Vater das hörte, ist er gestorben – und ich konnte nicht bei seiner Beerdigung dabei sein. Das Problem ist,“ fährt er fort, „dass alle zuhause wissen, dass ich in Italien bin, und sie erwarten, dass ich schon bald anfange, meiner Familie Geld zu schicken.“

Die Heimbewohner

Eine Studie des italienischen Justizministeriums fand drei Gründe für die Flucht der Minderjährigen aus den Heimen:Die Suche nach Arbeit, wenn sie gezwungen werden, im Sex- oder Drogenmilieu zu arbeiten, oder Versklavung. Professor Maria Cecilia Guerra, Assistentin des Ministers für Arbeit und Sozialpolitik und verantwortlich für Minderjährige, sagt, dass das Ministerium regelmäßig Studien über die Kindermigranten betreibt und sogar in deren Herkunftsländer reist, um ihre Familien kennenzulernen. Doch sie sagt auch, dass Ägypten 2007 einen Antrag des Ministeriums für eine Einreise des Forschungsteams abgelehnt hatte. Ihrer Aussagen nach ist das Schmuggeln von Kindermigranten nach Italien in Al Gharbiya, Asyut, Al Fayoum und Al Qaliobiya besonders verbreitet.

Die Position Ägyptens

Der Assistent des Außenministers für Konsularangelegenheiten, Ali Al Asheeri, behauptet jedoch, dass das Ministerium niemals eine solche Anfrage aus Italien erhalten hätte. Er sagt, dass man auf ägyptischer Seite auf eine Korrespondenz auf diplomatischem Wege gewartet hatte. Er verlangt eine genauere Erklärung von Seiten der italienischen Regierung: „Wozu dient diese Studien, welchen Zweck hat sie und in welchen Regierungsbezirken soll sie durchgeführt werden? Diese Fragen müssen unbedingt beantwortet werden.“ Er sagt auch, dass es Gespräche über ein Konsulatstreffen gab, bei dem diese und andere Angelegenheiten besprochen werden sollten: „Wir haben vor anderthalb Jahren damit angefangen, aber aufgrund der derzeitigen Situation und der baldigen Wahlen wurde das Treffen verschoben.“

„Die Probleme der ägyptischen Kinder haben oberste Priorität für uns,“ betont Al Asheeri, „und wir verfolgen, was mit ihnen passiert, mit Hilfe der italienischen Behörden. Wir haben bisher keinerlei Beschwerden erhalten, weder von den Familien in Ägypten, noch von den Minderjährigen selbst.“

Menschenhandel

Der ägyptische Botschafter in Rom, Amr Hilmy, sagt, dass die italienischen Behörden den Zustrom der Kinder aus Ägypten nicht mehr aufhalten können. Er spricht auch über die Gefahren, die diese Kinder erwarten: „Viele sterben aufgrund des Wetterbedingungen auf See und die Kinder, die weglaufen, verirren sich häufig oder geraten an Gangs, die in Menschen- oder Drogenhandel verwickelt sind.“ Dem Botschafter zufolge stellen die Kinder, die mit 18 Jahren eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, eine Gefahr für die ägyptische Sicherheit dar: „Diese Jugendlichen könnten von verschiedenen Sicherheitsfirmen für Einsätze gegen Ägypten verwendet werden, weil sie noch jung sind und nicht genug Zeit hatten, Loyalität gegenüber ihrem eigenen Land aufzubauen“.

Die Angst vor der Rückkehr

Mahammad Massad aus Aghour Asugra wünscht sich, nach Hause zurückkehren zu können, doch er fürchtet die Lästereien, denen seine Mutter dann ausgesetzt wäre; sein Vater starb vor einigen Jahren.

Seit drei Monaten kein Lebenszeichen

Der Autor besuchte die Familie von Adel Atef in Ägypten. Dort fand er dessen weinende Mutter vor, die verzweifelt nach ihrem Sohn fragte, genau wie seine jüngere Schwester: „Adel hat uns seit drei Monaten nicht angerufen, wir haben keine Ahnung, wo er steckt. Sein Vater arbeitet in der Bleichfabrik, um die Schulden bezahlen zu können.“ Doch trotz allem Kummer und aller Sorgen möchte Adels Mutter auf keinen Fall, dass ihr Sohn zurückkehrt: „Wofür soll er zurückkommen, hier gibt es keine Arbeit. Er fehlt mir, ja, aber er sollte lieber schnell eine Arbeit finden, damit er seinem Vater helfen kann.“

Ein paar Zahlen:

- 9 Tage dauert es im Durschnitt, um von Ägypten an die italienische Küste zu reisen

- 40 000 ägyptische Pfund bekommt der Händler für die Überfahrt

- 6 Jahre alt war der jüngste Migrant, der allein in einem Boot kam

- 1 von 6 minderjährigen Migranten ist ein ägyptisches Kind

- 18 Jahre oder älter sind all jene, die zurückgeschickt werden; Minderjährige werden nicht ausgewiesen

- 6 000 illegale, minderjährige Migranten halten sich momentan in Italien auf, der größte Anteil daran sind ägyptische Jugendliche

- 40 Mio. US-Dollar werden jährlich für die eingewanderten Kinder ausgegeben

- 3 Jahre müssen Jugendliche in einigen italienischen Bezirken im Asylheim bleiben, bevor sie eine Aufenthaltserlaubnis erhalten

- 781 ägyptische Minderjährige begingen im Jahr 2008 Verbrechen

- 2007 endeckten Beamte das Schlupfloch im italienischen Einwanderungsgesetz

- 100 Euro geben die Asylunterkünfte im Schnitt pro Tag für die Kinder aus

Die Recherchen für diesen Artikel wurden mit Unterstützung des Netzwerks "Arab Reporters for Investigative Journalism" (ARIJ) und in Kooperation mit dem italienischen Journalisten Mauirio Porcu von der Online-Zeitung "L’Indro" durchgeführt.

Published July 2015
first publication (original article): 24.06.2014 (arij.net)




   WRITE YOUR PERSPECTIVE     TRANSLATE THIS ARTICLE 



other perspectives on this topic