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Business aus Syrien

Ein Wirtschaftsaufschwung für Jordanien



 

Amman, Jordan  Mehr als eine Million Syrerinnen und Syrer sind im Bürgerkrieg über die Grenze nach Jordanien geflohen – und haben der Wirtschaft des Königreiches einen überraschenden Aufschwung beschert. Doch es gibt auch Probleme.

In der Stadt Irbid wurde der Handel von den Geflüchteten wiederbelebt. flickr/cc/mohammed alborum

Wenn Raed Samara über Geflüchtete aus Syrien redet, dann geht es nicht als erstes um Vertreibung, Kriminalität und Überbevölkerung. Samara, Präsident der Industriekammer der Stadt Irbid im Norden Jordaniens, spricht von Chancen. „Syrer sind bekannt für ihre kleinen und mittelgroßen Unternehmen, vor allem in der Lebensmittelindustrie“, sagt Samara. „Die müssen wir fördern. Dann können wir auch Investoren anlocken. “

In der Stadt Irbid gebe es derzeit zwölf Lebensmittelfabriken, die seit der Krise aus Syrien verlagert wurden, sagt Samara und fügt hinzu, dass „diese Fabriken in ständigem Kontakt mit lokalen Bauern stehen, um jordanische Produkte zu verarbeiten und zu exportieren.“ Das wirke sich positiv auf die Landwirtschaft und Industrie im Königreich aus. Ganz ähnlich sieht es sein Kollege Abdullah Shdeifat, Präsident der Handelskammer im benachbarten Mafraq. Das Gouvernement sei dank der 170 000 dort lebenden Geflüchteten zu einer der wirtschaftlich am meisten boomenden Provinzen in Jordanien geworden, sagt er.

Nach Angaben der Unternehmen habe die Präsenz der Geflüchteten den Handel wiederbelebt, insbesondere in der Grenzstadt Ramtha. Doch nicht nur im Norden beschert die Geschäftstüchtigkeit der Syrerinnen und Syrer der Wirtschaft einen überraschenden Aufschwung. Große Teile der nationalen Wirtschaft im Königreich profitieren von der steigenden Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen sowie der beispiellosen und andauernden Hilfe aus dem Ausland.

Jordanien beherbergt inzwischen mehr als 1,5 Millionen geflüchtete Menschen aus Syrien. Weniger als die Hälfte von ihnen sind als UN-Flüchtlinge registriert. Sie leben in einem von mehreren Flüchtlingslagern in den nördlichen Provinzen, die von Einrichtungen der Vereinten Nationen und von Geldern anderer Länder subventioniert werden.

Gewiss: Die vielen Menschen sorgen auch für Probleme. Kammerpräsident Shdeifat erklärt, dass die Geflüchteten in Mafraq die ohnehin knappen Ressourcen an Wasser verbrauchen, zu höheren Löhnen im Wohnungsbau und einem steigenden Müllproblem führen. Auch die Regierung sieht die Geflüchteten als eine „wirtschaftliche Last“, die die Infrastruktur des Landes strapaziert. Der jordanische Innenminister Hussein Al-Majali sagte unlängst, dass mehr als 600 000 Geflüchtete in Jordanien „auf Kosten des Staates und der Bürger“ lebten und fügte hinzu, dass die ausländischen Hilfen nicht einmal 30 Prozent der entstandenen Kosten für die Unterbringung der Menschen abdecken.

Zahl der Handelsgeschäft steigt

Doch ExpertInnen bezweifeln die Zahlen. Für viele im jordanischen Gewerbe- und Industriesektor eröffnen sich durch die Zugezogenen neue Möglichkeiten, die der Wirtschaft in den Gemeinden zugute kommen. Die Zahl der neu zugelassenen Handelsgeschäfte in Mafraq ist nach offiziellen Angaben auf über 160 gestiegen, meist verwaltet von Syrerinnen und Syrern, die unterschiedliche Tätigkeiten ausüben. Zum Aufschwung tragen auch die Programme der Vereinten Nationen bei, wie Kammerpräsident Shdeifat erklärt. Das Welternährungsprogramm habe den Kauf von Waren direkt von den Geschäften in Mafraq angeordnet. Die Geflüchteten kauften zudem Waren mit Coupons, die jeden Monat an sie verteilt würden.

Syrisches Flüchtlingslager Zaatari: Jordanier gehen hier bummeln, weil alle Waren billig sind. flickr/cc/Russell Watkins/UK Department for International Development

Hunderte Geschäfte von SyrerInnen hätten in mehreren Stadtteilen und auf Märkten Mafraqs eröffnet, die meisten von ihnen spezialisiert auf Süßwaren, Essen, Trinken und Kleidung. Die Bewohner von Mafraq benennen einige Geschäfte nach der Herkunft ihrer syrischen Eigentümer. Manche Geschäfte haben wegen der hohen Nachfrage bis zwei Uhr morgens geöffnet.

Laut der Abteilung für Unternehmenskontrolle des jordanischen Industrie- und Handelsministeriums erreichten die Investitionen der registrierten Unternehmen mit syrischen BesitzerInnen in Jordanien in der Zeit zwischen März 2011 und August 2013 insgesamt 39,6 Mio. Jordanische Dinar (55 Mio. US-Dollar), wobei 499 jordanische Unternehmen inzwischen syrische InhaberInnen hätten. Offizielle Zahlen zeigen, dass Syrer mit 19,6 Mio. Jordanischen Dinar (rund 27,7 Mio. US-Dollar) 2012 den dritten Platz bei Grundstücks- und Landkäufen unter den Nicht-Jordaniern belegten. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2013 belegten sie mit 13,6 Mio. Jordanischen Dinar, ca. 19,2 Mio. US-Dollar, den vierten Platz beim Erwerb von Immobilien und Grundstücken.

Syrische Arbeitskräfte in Jordanien

Eine offizielle Untersuchung des Forschungszentrums für Flüchtlinge, Vertriebene und Zwangsmigration der Yarmuk-Universität in Irbid ergab, dass seit März 2011 etwa 38.000 SyrerInnen in Jordanien eine Arbeit gefunden hätten. Das entspriche 40 Prozent der Arbeitsplätze, die jährlich für jordanische Arbeitskräfte im Gouvernement Mafraq geschaffen würden.

Abdelhamid Harahsheh, der Leiter der Direktion für Arbeit in Mafraq, sagte, dass das Hauptproblem die wachsende Zahl der Schwarzarbeit sei. Er behauptet, dass 30 Unternehmen gezwungen wurden, seit dem Beginn des syrischen Bürgerkrieges zu schließen, weil sie syrische Arbeitskräfte ohne Papiere beschäftigten, und somit gegen geltende Gesetze und Vorschriften verstoßen hätten: Es seien vor allem jordanische Arbeitskräfte durch syrische ersetzt worden. Dies veranlasste die Regierung zu härteren Kontrollen. Harahsheh fügt hinzu, dass 5 500 SyrerInnen gezwungen worden seien, Bußgelder für Schwarzarbeit zu zahlen, und einige seien ins Flüchtlingslager Za‘atari zurückgeschickt worden, wo sie ursprünglich untergebracht waren.

Viele Geflüchtete arbeiten

Ein 22-jähriger Geflüchteter, der anonym bleiben wollte, musste wegen des Bürgerkriegs seine Heimatstadt in der syrischen Provinz Daraa verlassen. Er sagt, er hätte nie gedacht, dass er einen Job in der bereits überlasteten Stadt Mafraq finden würde. Er habe in Daraa früher in einem Restaurant seines Vaters gearbeitet, aber wegen der Bombardierungen und den Zerstörungen der Häuser und Geschäfte mussten er und seine drei Brüder nach Jordanien fliehen.

Er berichtet, dass er zusätzlich zu seinem Monatsgehalt von 200 Jordanischen Dinar (282 US-Dollar) eine kostenlose Unterkunft von seinem Arbeitgeber erhalte. Ein anderer Syrer, der auch anonym bleiben wollte, wählte das Lager in Za‘atari, um ein Geschäft zu eröffnen. Er sagt: „Ich komme aus Homs, wo ich ein Textil-Shop besaß und jetzt habe ich ein kleines Bekleidungsgeschäft auf der so genannten „Champs Elysees“ in Za’atari.“ Ein ironischer Hinweis auf die berühmte Einkaufsmeile von Paris. „Ich kann kaum die Bedürfnisse meiner Familie decken, die aus sieben Mitgliedern besteht.“ Er weist darauf hin, dass viele Jordanier ins Lager in Za‘atari zum Einkaufen oder Bummeln kämen, da die subventionierten Preise im Vergleich zu anderen lokalen Märkten niedriger seien.

Hilfe aus dem Ausland

Die jordanische Regierung hat errechnet, dass sie 850 Mio. US-Dollar an Unterstützung benötige, um für die Bedürfnisse im Flüchtlingslager weiterhin sorgen zu können. Jordanien wurden bereits knapp 372 Millionen US-Dollar bereitgestellt, so dass die Geflüchteten sowohl von den subventionierten Waren und Rohstoffe profitieren können,als auch von den Kosten für Gesundheitsdienstleistungen, Sicherheit, Bildung, Energie, Wasser und Kommunalbetriebe.

Nach Angaben der jordanischen Regierung beliefen sich die ausländischen Zuschüsse und Darlehen, die Jordanien erhielt, um die Syrerinnen und Syrer unterzubringen, auf 234,8 Mio. US-Dollar. Die Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen betrug insgesmat 66,2 Mio. US-Dollar. Ein Dokument, ausgestellt vom Ministerium für Planung und internationale Zusammenarbeit, zeigt, dass die direkten arabischen, ausländischen und inländischen Hilfen, die an Geflüchtete in Form von Naturalien oder Bargeld gespendet wurden, etwa 187,5 Mio. US-Dollar betrugen, während die Gesamthilfe für die Regierung rund 24 Mio. US-Dollar ausmachten, die den Gesundheits-, Bildungs- und Wasserversorgungssektor unterstützen.

Auslandshilfen insgesamt

Nach offiziellen Zahlen lag die Höhe der erhaltenen Hilfen (Zuschüsse und zinsgünstige Darlehen) zwischen 2011 und 2013 insgesamt bei 6,9 Milliarden Jordanischen Dinar, ca. 9,7 Mrd. US-Dollar. Die Zuwendungen sind damit drei Mal höher als vor Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs. Doch die Regierung stellt keine Verbindung zwischen der Verdreifachung der Auslandshilfe und dem wachsenden Interesse der internationalen Gemeinschaft, Jordanien zu unterstützen, her. Auch widersprechen die Zahlen den Aussagen des jordanischen Innenministers Hussein Al-Majali. Er hatte in einem Vortrag an der Yarmuk-Universität erklärt, dass die Wirtschaft, Sicherheit und der Tourismus im Königreich unter den Geflüchteten litten, dass die Sicherheitskosten viel zu hoch seien und dass die jordanische Armee die alleinige Verantwortung für die Kontrollen und den Schutz der Grenzen tragen müsse. Er erwähnte dabei weder die Zuschüsse, noch die wirtschaftlichen und militärischen Hilfen, die Jordanien während der letzten drei Jahre von westlichen Ländern und arabischen Golfstaaten erhielt.

Allerdings erzählte Al- Majali der amerikanischen Staatssekretärin für Angelegenheiten der Bevölkerung, Flüchtlinge und Migration Anne Richard, dass Jordanien „die Grenze [zu Syrien] für Flüchtlinge aus humanen Gründen nicht schließen werde und den Prinzipien, ihren nationalen Verpflichtungen nachzukommen, treu bleibe“. Al-Majali erklärte der Staatssekretärin, dass die Syrer zu einer schweren Last im Bildung- und Gesundheitssektor sowie für die Infrastruktur und den Arbeitsmarkt geworden seien. Darunter litten die begrenzten Ressourcen des Landes. Er forderte die internationale Gemeinschaft auf, das Königreich zu unterstützen, damit es weiterhin für die Geflüchteten sorgen könne. Ziel müsse es sein, „die Koordination und Beratung zu Fragen von gemeinsamem Interesse weiterzuführen“.

Auswirkungen durch syrische Geflüchtete erforschen

Jawad Abbassi, Gründer und Geschäftsführer der Arab Advisors Group, stellte den Bericht der Regierung in Frage und sagte, es gebe „eine Notwendigkeit, die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen durch syrische Flüchtlinge in Jordanien in einer objektiven, wissenschaftlichen und methodischen Weise zu erforschen“. Er erläutert, dass solch eine Studie die Kosten und Einnahmen der Geflüchteten ermitteln müsste und sowohl die Vor- als auch die Nachteile für die Wirtschaft berechnen sollte, und fügte hinzu, dass „zum Beispiel steigende Mieten sich negativ auf die jordanische Mieter auswirken, aber positiv auf die Vermieter und die Regierung“. „Überfüllte Krankenhäuser und Schulen werden vor allem von jordanischen Bürgern und nicht von der Staatskasse ausgehalten. Die Zunahme der Bevölkerung und die vielen zusätzlichen Autos bedeuten mehr Umsatz und eine höhere Mineralölsteuer für [die Staatskasse].“ In seinem im Januar 2014 veröffentlichten Artikel folgerte Abbassi, das Ziel solch einer Studie sei „der erste Schritt, um das Positive zu maximieren und an Lösungen zu denken, die das Negative abschwächen“.

Dieser Artikel wurde im Rahmen des "Regierungsprojektes", einem Berichterstattungsprogramm in Jordanien, geschrieben, das von der Thomson Reuters Foundation in Partnerschaft mit Arab Reporters for Investigative Journalism (Arabische Journalisten für Investigativen Journalismus) organisiert wird.

Published July 2015
first publication (original article): 20.01.2014 (arij.net)




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